Leseprobe Wahre Helden

 

 

Leseprobe

Wahre Helden

~ Nicht kaputt, nur angeknackst ~

 

Silvester

Weiße Flocken tanzen vor dem Fenster und laut Wetterbericht soll das die gesamte Nacht auch noch so weitergehen.

Silvester.

Irgendwie ein schizophrener Tag.

Man schaut zurück auf das vergangene Jahr, findet mit etwas Glück ein paar Highlights, mit etwas Pech einige echt beschissene Dinge und fragt sich beim großen Rest, was das Leben sich dabei eigentlich gedacht hat. Und dann macht man Pläne. Fasst alle möglichen tollen Vorsätze – und versaut sich damit gleich mal den Start ins neue Jahr so richtig, wenn man Ende Januar feststellen muss, dass man an den meisten ach so tollen Vorsätzen bereits grandios gescheitert ist.

Ich bin da keine Ausnahme. Mehr Sport, weniger Schokolade, mehr für die Schule tun. Netter zu meinen Mitmenschen sein. Bisher hat das bei mir auch immer nur ein paar Wochen lang gehalten. Obwohl ich finde, dass die Sache mit den Mitmenschen nicht allein meine Schuld ist. Ganz oft liegt das Problem da im äußerst kontraproduktiven Verhalten der Gegenseite. Und Schokolade ist einfach lebenswichtig, sorry.

Trotzdem ist so ein Jahreswechsel irgendwie cool. Hilft beim Gedankenordnen. Und man bekommt alle 365 Tage einen Neuanfang. Der Mist aus dem alten Jahr ist deshalb zwar leider nicht unbedingt vergeben und vergessen, aber man bekommt eine neue Chance. Für sich selbst und für andere.

Silvester zeigt einem auch, was sich alles verändert hat. Letztes Jahr um diese Zeit hab ich mich in Bonn mit meiner besten Freundin Janine zur Party bei einer Mitschülerin aufgemacht. Vorhin hab ich Jani eine Nachricht geschickt und ihr viel Spaß für die Party in diesem Jahr gewünscht. Bisher kam keine Antwort. Ich hoffe, das hört sich jetzt nicht bitter oder enttäuscht an, denn so ist es gar nicht gemeint. Ein bisschen melancholisch vielleicht, denn Jani und ich waren wirklich gute Freundinnen. Aber ein Jahr ist halt lang, und wenn man sich nicht mehr sieht, lebt man sich eben auseinander und geht irgendwann getrennte Wege.

Heute wohne ich nicht mehr in Bonn bei meiner Mam, sondern sitze hier in Essen in einer WG mit meiner Schwester, neuen Freunden und zwei Jungs, die mich abwechselnd in den Wahnsinn treiben. Statt wie zig andere Party zu machen, hocke ich auf meinem Bett, schaue einem dieser Jungs beim Schlafen zu und versuche, ein bisschen Ordnung in das zu bringen, was seit dem Sommer passiert ist.

Mein ganz persönlicher Rückblick zum Jahresende sozusagen – nach all den offiziellen, mit denen uns gefühlt jeder zweite Fernsehsender in den letzten Wochen zugemüllt hat. Wen genau interessieren die eigentlich? Ist es wirklich wichtig, welche Mannschaft in welcher Sportart irgendeinen Supercup, eine Champions League oder eine WM gewonnen hat? Wen kratzt es, welcher beste Film des Jahres den des letzten Jahres (an den sich auch kein Schwein mehr erinnert) abgelöst hat? Und muss man wirklich schreckliche Bilder von Terroranschlägen, Hungersnöten, Seuchen, Flüchtlingsströmen und Unwetterkatastrophen noch einmal monatsweise mit dramatischer Musikuntermalung sehen?

Also ich nicht.

Und auch die ganzen Auszeichnungen nerven tierisch und sind eigentlich der totale Hohn. Bester Sportler des Jahres, bester Musiker, bester Schauspieler … Jetzt mal ganz ehrlich: DAS IST DEREN JOB! Toll, dass die den gut machen, aber das tun Millionen andere Leute auch. Und wo sind dann bitte die Auszeichnungen für die beste Krankenschwester, den besten Müllmann, die beste Polizistin oder den besten Busfahrer?

Wenn überhaupt, dann sollte es Auszeichnungen für Leute geben, die wirklich was geleistet haben. Die sich nicht haben unterkriegen lassen. Die wieder aufgestanden sind, obwohl das Leben sie so hart angerempelt hat, dass sie im Dreck gelegen haben.

Das sind die wahren Helden – und ich hab das Glück, zwei von ihnen zu kennen.

Und wer ist ich? Ich bin Svea. In drei Monaten werde ich achtzehn und in ungefähr sechs hab ich hoffentlich mein Abi in der Tasche. Meine Reifeprüfung – was immer das heißen mag. Ich meine, reif wofür? Reif für die Klapse? Reif für die Insel? Für die Uni? Fürs Leben?

Für Nummer 1 und 2 fühle ich mich ehrlich gesagt jetzt schon ständig reif, bei Nummer 3 weiß ich noch nicht mal, ob ich da überhaupt hinwill, und Nummer 4 kann ja wohl nur ein schlechter Scherz sein, oder? Wenn ich erst nach dem Abi reif fürs Leben bin, frage ich mich, warum ich jetzt schon mit so viel davon klarkommen muss. Oder anders formuliert: Ich wage stark zu bezweifeln, dass ich in den nächsten sechs Monaten in irgendeinem Schulfach noch Antworten auf die Fragen bekommen werde, die mir wirklich wichtig wären.

Keine Ahnung, ob das, was ich hier von mir gebe, irgendwen interessiert. Oder ob es einen Sinn ergibt. Manchmal verstehe ich mich ja selbst kaum. Ob es also so eine gute Idee ist, euch das Chaos in meinem Kopf zu zeigen – ich weiß es nicht. Aber ich zwinge ja keinen, sich das anzutun. Reader kann man ausschalten und Bücher zuschlagen. Ich verspreche euch, sie schlagen nicht zurück.

Wer aber herausfinden will, warum der Junge, der hier neben mir liegt, so aussieht, als hätte der Tod ihn nur links liegen gelassen, weil er dachte, er hätte seinen Job bei ihm schon erledigt – herzlich willkommen!