Leseprobe Bunker 7 Seite 4

 

Jamie schloss die Internetseite, öffnete seine Mails und suchte die Buchungsbestätigung von Blood Moon Games. »Also sowohl auf der Seite als auch in der Mail steht bloß, dass wir alles Weitere beim Einchecken erfahren.«

Er schaltete sein Smartphone aus und blickte hinaus in den dichten Wald, der sich schier undurchdringlich rechts und links der schmalen Straße ausbreitete. Auf der Autobahn hatten sie die riesige weiße Kuppel, die die Spielwelt von Bunker 7 beheimatete, schon von Weitem sehen können. Unter den dichten Bäumen hier auf der engen Landstraße war dagegen nichts mehr davon zu sehen.

Ein Hinweisschild erschien am Straßenrand, ziemlich verrostet und halb überwuchert von einem Brombeerstrauch.

Bunker 7.

Es wies nach links in einen Schotterweg.

Will drosselte die Geschwindigkeit und lenkte den SUV auf den holprigen Weg.

»Seht mal da.« Jemma saß neben ihm und deutete nach rechts.

Halb im Straßengraben lag ein rostiges Autowrack.

»Cool!« Voller Vorfreude rieb Jamie seine Hände und zappelte auf seinem Sitz hin und her. »Es geht los. Jetzt sind wir bestimmt bald da.«

»Es ist immer wieder herzallerliebst, wie sehr du dich auf jedes neue Abenteuer freust«, neckte Ned ihn und erntete ein Schnauben.

»Jetzt tut nicht wieder alle so, als wäre ich der Einzige, der sich tierisch auf die nächsten Tage freut!«

»Ach Quatsch«, meinte Charlie mit einer nicht zu überhörenden Portion Ironie in der Stimme. »Wer würde sich denn nicht auf drei Tage Postapokalypse samt dazugehöriger Katastrophen sowie jeder Menge mutierter Pflanzen, Tiere und vermutlich auch Zombies freuen?«

»Siehste! Wir verstehen uns!«, gab Jamie mit einem frechen Grinsen zurück.

Charlie lachte empört auf und wollte nach ihm boxen, doch da Zack zwischen ihnen saß, fing er ihre Faust ab.

»Leider kann ich es dir nicht erlauben, meinen Freund zu schlagen.«

»Seit wann das denn?!«

»Seit –«

»Seit wir jetzt da sind«, fiel Will Zack ins Wort.

Alle sahen hinaus.

Der Schotterweg endete auf einer Lichtung, die zu einem Parkplatz umfunktioniert worden war. Alte, verrostete Autowracks waren halb unter Laub und Gestrüpp begraben. Dazwischen parkten neue Wagen. Es war zehn nach elf, einige ihrer Mitspieler waren offensichtlich schon da. Jenseits der Lichtung erhob sich gut getarnt zwischen Bäumen und verwilderten Büschen ein kleiner Wall mit einer rostigen Tür. Dahinter war in gut fünfzig Metern Entfernung die weiße Außenhülle der Spielweltkuppel durch die Bäume zu erkennen.

Will ließ ihren Wagen ausrollen und parkte am Rand der Lichtung neben einem der Wracks und einem neuen VW.

»Jetzt sagt nicht, dass das hier nicht genial aussieht.« Ohne eine Antwort seiner Freunde abzuwarten, öffnete Jamie die Autotür und stieg aus. »Das wird richtig cool!« Er sah sich um, während die anderen ebenfalls aus dem Wagen kletterten. »Bin gespannt, ob es im Spiel vor dem Bunker genauso aussieht wie hier.«

»Mit ein bisschen Glück werden wir das in ein paar Stunden schon herausgefunden haben.« Ned öffnete den Kofferraum und die sechs holten ihre Rucksäcke heraus. Für drei Tage brauchten sie zum Glück nicht viel Gepäck.

Will verschloss den Wagen und sie liefen quer über die Lichtung hin zum Waldrand. Die Sonne schien warm auf sie herab und Charlie reckte ihr Gesicht zum wolkenlosen Himmel, um ein paar letzte Strahlen einzufangen, bevor sie in die künstliche Untertagewelt abtauchen musste.

Ned legte seinen Arm um sie und zog sie an sich. »Sag jetzt bloß nicht so was wie: Eine Schande, dass wir bei dem tollen Wetter in den Bunker ziehen müssen. Dann killt Jamie dich nämlich.«

Charlie lachte. »Keine Sorge. Ich freue mich auf unser Endzeit-Abenteuer. Aber genauso sehr freue ich mich danach auf die beiden Wochen Strandurlaub bei Jems Großeltern. Und ich hoffe sehr, dass wir dann genauso geniales Wetter haben wie heute.«

Lächelnd hakte Jemma sich bei ihr unter. »Geht mir exakt genauso.«

»Na, dann hofft mal, dass es während unserer Spielrunde keine bösen Wasserquests gibt«, meinte Jamie mit einem fiesen Grinsen. »Nicht, dass euch irgendwas die Freude aufs Baden im Meer kaputtmacht …« Er geriet ins Stolpern, als sein linker Fuß an einer Baumwurzel hängen blieb, schaffte es aber, sich abzufangen und nicht zu fallen.

Charlie bedachte ihn mit einem zuckersüßen Lächeln. »Tja, karma is a bitch, was? Also hör besser auf, so gemein zu uns zu sein.«

Total erwachsen streckte Jamie ihr die Zunge heraus. Er ignorierte Zacks Arm, als Zack ihm Hilfe anbot, nahm aber seine Hand. Der Wall mit dem Eingang zum Bunker lag ein Stück im Wald und es gab keinen befestigten Weg, der dort hinführte.

Jamie seufzte innerlich und merkte, wie er plötzlich ein bisschen Schiss vor der eigenen Courage bekam. Schon der Eingang zum Bunker machte deutlich, dass der Hinweis in der Spielbeschreibung ernst gemeint war. Bunker 7 war nicht ausgelegt auf Spieler mit Handicaps. Treppen waren für ihn aber kein Problem mehr, solange es ein Geländer oder eine Wand gab, an der er sich festhalten konnte, oder einer seiner Freunde ihm Halt gab. Leitern klettern hatte er mit Jon in der Physio üben müssen, doch mit der richtigen Technik bekam er auch das hin – obwohl es ziemlich in die Arme ging. Er hoffte nur, dass Treppen und Leitern wirklich die einzigen Hindernisse waren, die im Bunker auf ihn warteten.

Zack drückte seine Hand. »Hey, keine Sorge«, sagte er leise, weil er sich denken konnte, was Jamie gerade durch den Kopf ging. »Egal, was da drin auf uns wartet, zusammen kriegen wir das schon hin.«

Jamie lächelte dankbar und schmiegte sich kurz an seinen Freund.

Will und Jemma erreichten den Bunker als Erste.

»Hat ein bisschen was von einem postapokalyptischen Hobbitbau, oder?«, meinte Jemma, als sie die Eingangsseite genauer in Augenschein nahm. Eine bemooste Betonwand ragte ungefähr zweieinhalb Meter aus dem Hügel. Auf der rostigen Stahltür in der Mitte waren aus der Nähe verwitterte schwarze Buchstaben zu erkennen: Bunker 7.

»Also falls jemand noch irgendwelche Zweifel gehabt haben sollte – hier sind wir richtig.« Will zog sein Handy aus der Hosentasche.

Neben der Tür war ein Monitor in die Betonwand eingelassen. Will tippte darauf und der Bildschirm erwachte zum Leben.

Willkommen im Bunker 7. Bitte haltet zum Einchecken nacheinander eure elektronischen Tickets vor den Scanner.

Die Bildschirmanzeige teilte sich in zwei Hälften: links erschien eine Spalte mit Gruppenname, rechts ein flackerndes Scannerfeld. Will rief sein Ticket auf seinem Smartphone auf und hielt es vor den Scanner. Einen Augenblick später tauchte neben Gruppenname >Tough Cookies< auf. Darunter erschien Wills Name. Nacheinander hielten auch die anderen fünf ihre Tickets vor den Scanner. Als Zacks Name als letzter in der Spielerliste erschien, klackte es und die Stahltür sprang einen Spalt weit auf. Will öffnete sie ganz und alle drängten sich um den Eingang, um hineinspähen zu können.

Hinter der Tür lag ein kurzer Tunnel. Röhrenlampen im Steampunkdesign sprangen an der kuppelförmigen Decke an und beleuchteten eine Treppe, die tief hinab unter die Erde führte.

»Okay, das ist es dann jetzt.« Will grinste in die Runde. »Noch irgendwelche melodramatischen letzten Worte, bevor wir uns hineinwagen?«

»Auf Wiedersehen du wunderschöne zombie-, mutanten- und monsterfreie Welt. Wir werden dich schrecklich vermissen«, antwortete Charlie prompt.

Jamie knuffte ihr in die Seite. »Sprich lieber nur für dich.«

»Vorsicht, mein Lieber.« Mit einer bedeutungsvoll hochgezogenen Augenbraue wandte Charlie sich zu ihm um. »Karma, du weißt schon. Und da vorne wartet eine verdammt lange Treppe auf dich. Wäre schade, wenn du runterpurzelst.« Schwungvoll drehte sie sich wieder um und stolperte prompt über die Türschwelle, als sie in den Bunker trat.

Alle lachten.

»Yep«, prustete Jamie und hielt Charlie seine Hand für ein High-five hin. »Karma ist definitiv eine Bitch.«

 

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