Leseprobe Bunker 7 Seite 2

 

»Kids?«, hakte Jamie nach und schob sich eine Gabel voll Cupcake in den Mund. »Es sind mehrere?«

»Ja, zwei.«

»Und warum sind sie Notfälle?«, wollte Zack wissen.

Mac blickte von ihm zu Jamie. »Die beiden haben vor ungefähr einem Jahr ihre Eltern bei einem Autounfall verloren.«

Jamie hielt inne und sah von seinem Cupcake auf. »Shit.« Er schluckt hart. »Waren die Kinder mit im Auto?«

Mac schüttelte den Kopf. »Zum Glück nicht. Aber ihre Verwandten konnten oder wollten die beiden nicht aufnehmen. Es gab da wohl üble Streitigkeiten in der Familie. Deshalb kamen sie in ein Heim und es wurden Pflegeeltern für sie gesucht. Weil die beiden aber keine niedlichen Babys mehr sind und zudem zusammen bleiben sollten, war es nicht einfach, eine Familie zu finden.«

»Wie alt sind die beiden denn?«, fragte Cassie.

»Chloe ist sechs, so alt wie Holly. Und Caspar ist ein Jahr jünger.«

Zack schnaubte ungläubig. »Und das ist manchen Pflegeeltern echt schon zu alt?«

Mac nickte. »Viele wollen lieber Babys und keine Kinder mit Vorgeschichte.«

Verbittert biss Cassie sich auf die Unterlippe. »Aber gerade solche Kinder bräuchten so dringend eine Familie statt einen Heimplatz oder eine Wohngruppe.«

»Das sehen Tris und ich genauso. Deshalb ist uns das Alter unserer potenziellen Kinder völlig egal. Das Geschlecht auch, denn selbst das scheint einigen Pflegeeltern nicht unwichtig zu sein.«

Verständnislos schüttelte Jamie den Kopf. »Aber das könnten sie sich bei leiblichen Kindern doch auch nicht aussuchen.«

»Frag mich nicht«, seufzte Mac. »Das wirklich Schlimme ist, dass Chloe und Caspar eine Pflegefamilie hatten, die Eltern sie aber jetzt nicht mehr wollen, weil sie mit dem auffälligen Verhalten von Caspar nicht klarkommen.«

»Was hat er denn gemacht?«, fragte Zack. »Sie nicht sofort begeistert in sein Herz geschlossen und Mummy und Daddy genannt?« Der Sarkasmus in seiner Stimme war nicht zu überhören.

»Nein«, antwortete Mac. »Er eifert seiner großen Schwester nach, will lange Haare haben und steckt sie sich mit Spangen zurück. Außerdem mag er Glitzer und Rosa und spielt lieber mit dem Puppenhaus als mit Autos und Eisenbahn. Die Kinderpsychologin, bei der die beiden seit dem Unfall in Betreuung sind, meint, dass Caspar sich nach dem Verlust seiner Eltern einfach sehr an seine große Schwester klammert und sie deshalb in vielen Dingen kopiert. So was kommt bei jüngeren Geschwistern wohl nicht selten vor, wenn sie einen schlimmen Verlust erleiden.« Mac hob die Schultern und jetzt nahm sein Tonfall eindeutig zynische Züge an. »Aber auf Nachfrage der besorgten Pflegeeltern konnte die Psychologin leider nicht ausschließen, dass nicht auch andere Ursachen hinter dem Verhalten stecken könnten, und damit können die Eltern wohl nicht umgehen.«

Jamie ballte seine Faust um die Gabel. »Sag jetzt bitte nicht, die beiden haben Angst, dass der Kleine schwul sein könnte und sie ihn deshalb nicht mehr haben wollen.«

Mac seufzte. »Doch, genau das. Wobei schwul für sie wohl noch das geringere Übel wäre. Schlimmer fänden sie, wenn er transgender wäre und irgendwann den Wunsch äußern würde, ein Mädchen zu werden. Sie sagen, dass sie sich nicht in der Lage sehen, ihn bei so etwas zu unterstützen. Aber egal, was es ist – sie wollen Caspar weder mit dem einen noch mit dem anderen behalten.«

»Oh Mann!«, schimpfte Jamie empört. »In welchem Jahrhundert leben diese Vollidioten denn? Bitte sag, dass die nie wieder Pflegekinder bekommen werden. Und warum gibt es eigentlich noch keine Zwangskastration? Eigene Kinder sollten die beiden nämlich besser auch nicht bekommen!«

Wieder seufzte Mac. »Ich bin da ganz bei dir, aber leider gibt es zu viele Kinder, die keine leiblichen Eltern mehr haben oder aus triftigen Gründen nicht bei ihnen leben dürfen. Die Jugendämter sind froh um jeden, der sich als Pflegevater oder Pflegemutter bewirbt. Im Fall von Chloe und Caspar hat man sogar überlegt, die beiden zu trennen, denn Chloe hätten die Eltern wohl behalten.«

»Ernsthaft?«, fragte Zack fassungslos.

Cassie schnaubte bloß. »Das überrascht dich wirklich? Das Jugendamt hätte Dan, Holly und mich auch ohne mit der Wimper zu zucken getrennt, nur weil Dan und ich uns keine ausreichend große Wohnung von unseren Aushilfegehältern leisten konnten. Statt uns dabei zu helfen, bessere Jobs und eine bezahlbare Wohnung zu bekommen, gab es nur die schnelle, einfache Lösung, Holly und mich in irgendwelchen Heimen und Wohngruppen unterzubringen. Getrennt voneinander, weil Plätze für Geschwister kaum vorhanden sind.«

Wütend presste Zack die Kiefer aufeinander.

»Du hast hätte gesagt«, meinte Jamie an Mac gewandt. »Das heißt Chloe bleibt nicht alleine da?«

Mac schüttelte den Kopf. »Als sie mitbekommen hat, dass ihre Pflegeeltern ihren Bruder weggeben wollen, sie aber bei ihnen bleiben soll, hat sie so viel Terror gemacht, dass die Eltern sie jetzt auch nicht mehr wollen.«

»Gutes Kind«, grinste Zack anerkennend. »Macht die Kleine sofort sympathisch.«

»Und jetzt sollen die beiden zu euch kommen?«, fragte Cassie.

Mac nickte. »Wenn es zwischen uns passt. Falls Caspar sich aus Verlustängsten heraus so an seine Schwester klammert und ihr deshalb nacheifert, wollen Tris und ich ihm helfen, sich wieder sicherer zu fühlen. Dann kann er auch zu sich selbst finden. Uns ist wichtig, dass er wieder glücklich wird und ein Zuhause bekommt, in dem er sich so, wie er ist, geborgen und geliebt fühlt. Und für Chloe gilt natürlich dasselbe.«

»Na, wenn das nicht passt, dann weiß ich nicht, was diese Typen vom Jugendamt in Pflegeeltern sonst suchen«, meinte Jamie. »Glaubst du echt, dass sie Caspar und Chloe nicht zu euch geben könnten?«

Mac hob die Schultern. »Niemand weiß, wie viel Vertrauen in Pflegeeltern durch diese Aktion bei den beiden kaputtgegangen ist und ob sie sich auf Tris und mich einlassen. Drückt uns also mal die Daumen, dass sie uns eine Chance geben.« Er lächelte und warf einen versonnenen Blick in sein Café. »Ich fänd es nämlich schön, wenn hier ein bisschen Kinderleben reinkäme.«

Wie aufs Stichwort ging die Tür zur Küche auf und Holly hüpfte um Tris herum, der einen riesigen Becher Erdbeershake mit ein bisschen Banane trug, den er wohlweislich nicht Holly in die Hand gegeben hatte.

»Guckt mal, guckt!«, rief die Kleine völlig aufgeregt. »Tris hat mit mir Regenbogensahne gemacht! Weil er meine Beanie so toll findet!« Sie grinste zu ihm auf. »Dir leihe ich sie auch mal aus, wenn du willst.«

Tris lachte. »Auf dieses Angebot komme ich gerne irgendwann zurück.« Er stellte den Becher neben Zack und hob Holly auf den Barhocker. »Jetzt genieß aber erst mal deinen Shake. Mac und ich müssen so langsam los. Hallo Cassie, danke, dass du mit Tony und den Jungs heute hier den Laden rockst.«

»Kein Ding«, winkte sie lächelnd ab und verschwand zum Fenstertisch, an dem zwei Gäste noch eine Bestellung aufgeben wollten.

»Auf der Regenbogensahne fehlen noch die Glitzerstreusel«, merkte Holly an. »Ist aber nicht schlimm, wenn keine mehr da sind.«

Jamie rutschte von seinem Hocker und trat hinter die Theke. »Doch, es sind noch welche da.« Er holte eine Dose mit silbernen und goldfarbenen Streuseln aus einem der Schränke und streute eine ordentliche Portion über Hollys Shake.

Die strahlte ihn mit leuchtenden Augen an. »Danke!«

»Sieht so aus, als hätte das junge Volk unseren Laden ganz gut im Griff.« Mac legte seinen Arm um Tris. »Bereit dafür, unseren potenziellen Familienzuwachs zu treffen?«

»Wenn bereit heißt, ziemlich aufgeregt zu sein, dann ja.« Er gab seinem Mann einen Kuss und sah dann zu Zack, Jamie und Cassie. »Tony schmeißt die Küche und wenn irgendwas ist –«

»– rufen wir euch heute garantiert nicht an, sondern bitten Judy oder Sean aus dem McAllister’s um Hilfe«, würgte Zack ihn ab und machte eine scheuchende Handbewegung zur Tür. »Und jetzt geht und zeigt zwei kleinen Menschen, dass sie keine tolleren Eltern als euch beide bekommen können.«