Leseprobe Bunker 7

 

Kapitel 1
 

»Okay, eure Homepage ist auf dem neuesten Stand.« Jamie tippte auf den Aktualisierungsbutton und sah zu den elektronischen Retrostyle-Preistafeln, die an der Wand hinter der Theke des Cafés hingen. »Und die Speisekarten hier sollten sich jetzt auch umstellen.«

Die neuen Summer Specials, die Tris sich fürs Sugar & Spice ausgedacht hatte, erschienen auf den Tafeln.

»Wow, du bist ein Genie!« Mac hatte die Aktion beeindruckt mitverfolgt und klopfte Jamie jetzt über die Theke hinweg anerkennend auf die Schulter.

»Also mit Genie hat das wenig zu tun. Ich hab einfach nur eure Homepage mit den Anzeigetafeln verlinkt. Und wie das geht, stand in deren Gebrauchsanweisung.«

»Die sich für Tris und mich anhörte wie Chinesisch. Rückwärts. Also danke.« Mac schob ihm den Teller näher, den er Jamie schon vor einer Viertelstunde hingestellt hatte. »Vielleicht solltest du dann jetzt auch endlich eins der neuen Angebote probieren. Ein Zitronen-Blaubeer-Cupcake mit Frischkäse-Topping. Der fühlt sich nämlich unbeachtet. Genau wie der süße Typ, der sich hier vor zehn Minuten sein Frühstück abgeholt hat und mit dir flirten wollte.«

»Welcher Typ?« Völlig sinnfrei schaute Jamie sich im Café um.

Vor gut sechs Wochen hatte das Sugar & Spice eröffnet und das Café war ein echter Hingucker geworden, auf den alle Beteiligten ziemlich stolz sein konnten. Der Gastraum war in Weiß, Grau und Hellblau gehalten und Einrichtung und Deko – bei der Charlie, Jemma, Cassie und Kate ein gutes Wörtchen mitgeredet hatten – kamen im angesagten shabby Vintagestil daher. Den Rest taten Tris’ fantastische Kochkünste: Das Sugar & Spice hatte sich schnell zu einem neuen Lieblingstreffpunkt der Nachbarschaft entwickelt. Auch die Besucher des McAllister’s, das dem Café gegenüber lag, kamen an den Wochenenden gerne vorbei, um etwas zu essen, bevor es in den Club ging.

Zack kam zu Mac und Jamie an die Theke und reichte Mac das benutzte Frühstücksgeschirr von Tisch sieben über den Tresen.

»Anfang zwanzig, dunkle Haare, lässige Businessklamotten, hübsches Lächeln, netter Hintern.« Grinsend zog Zack Jamie seine Beanie über die Augen.

Der schob sie grummelnd wieder zurück. »Ja, klar. Ihr verarscht mich doch! Falls so ein Typ überhaupt hier war, hätte der todsicher eher versucht, mit einem von euch zu flirten statt mit mir.«

Mac sah ungläubig von ihm zu Zack. »Ernsthaft?«

Da der große Frühstücksansturm vorüber und die wenigen noch verbliebenen Gäste versorgt waren, gönnte Zack sich eine kurze Pause und setzte sich neben Jamie auf einen der Barhocker. »Yep.« Er griff hinter der Theke nach einer Wasserflasche und trank ein paar Schlucke.

Mac schüttelte den Kopf und nahm wieder Jamie ins Visier. »Ihr zwei seid nicht oft in der Szene unterwegs, oder? Sonst wüsstest du, dass es viele Kerle gibt, denen süße Twinks wie du völlig den Kopf verdrehen.«

Mit einer Mischung aus immer noch grummelig und irgendwie trotzdem geschmeichelt strafte Jamie ihn mit einem nur halb ernst gemeinten bösen Blick. »Ich bin nicht süß

Mac lachte. »Doch, das bist du. Und sobald du achtzehn bist, nehmen Tris und ich euch mal mit in ein paar Clubs. Dann wirst du schon sehen, wie die Kerle da auf dich abfahren.«

»Ja, sicher«, schnaubte Jamie. »Außerdem sollte sich Clubbing für dich und Tris doch jetzt wohl erledigt haben. Immerhin wollt ihr bald Eltern werden.«

»Nur weil wir Eltern werden wollen, heißt das nicht, dass wir nicht ab und an als Paar auch alleine Spaß haben dürfen. Das hat selbst Ms Etheridge vom Jugendamt in den Vorbereitungskursen für Pflegeeltern gesagt. Außerdem haben wir mit euch und euren Freunden doch jede Menge vertrauenswürdige Babysitter an der Hand, wenn Tris und ich mal eine Auszeit brauchen. Die sind für ein gesundes Familienleben sehr wichtig.«

Zack und Jamie tauschten einen Blick und hatten Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen.

»Sieht so aus, als wärst du ein wahrer Musterschüler in diesem Vorbereitungskurs«, neckte Jamie.

Wieder lachte Mac. »Ja, vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben. Und jetzt spar dir jeden weiteren frechen Kommentar! Iss lieber endlich den Cupcake und dann gehst du in die Küche und sagst Tris, dass du ihn absolut göttlich findest, klar? Also den Cupcake, nicht Tris, sonst müssten wir zwei ein Wörtchen miteinander reden.«

»Keine Sorge, ich steh nicht auf alte Männer«, gab Jamie frech zurück und wich schnell aus, als Mac ihm eine Kopfnuss verpassen wollte. Doch bevor er etwas kontern konnte, klimperten die Glöckchen über der Ladentür.

»Jaaamiiiee!« Ein kleiner blonder Tornado mit Latzhose und Beanie stürmte auf Jamie zu und drückte sich an ihn.

»Hallo Wirbelwind.« Lächelnd strich Jamie Holly über den Kopf, doch die Kleine sprang schon weiter.

»Hallo Zack!« Auch er wurde kurz umarmt, dann hüpfte sie um den Tresen herum zu Mac. »Hallo Mac!«

Der hob sie hoch und nahm sie auf den Arm. »Hallo Sonnenschein.«

»Heute ist der erste Tag der Sommerferien und Cassie hat gesagt, ich darf den ganzen Tag hier sein, wenn ich brav bin. Sie hat gesagt, dass du und Tris heute weg seid, deshalb sind Jamie und Zack auch den ganzen Tag hier und helfen. Und das ist sooo cool! Und ich kann Danke-Karten für die Gäste malen und hast du schon meine Beanie gesehen?« Sie deutete stolz auf die bunte Mütze in Regenbogenringeloptik auf ihrem Kopf. »Die hab ich von Dan und Cassie für mein gutes Zeugnis bekommen!« Sie strahlte über den Tresen hin zu Jamie. »Jetzt hab ich genau so eine Mütze wie du! Ist das nicht toll?«

Jamie grinste. »Himmel ja, die ist fantastisch.« Er hatte keine Ahnung warum, doch seit ihrer ersten Begegnung hatte Holly einen Narren an ihm gefressen und eiferte ihm in vielen Dingen nach – was irgendwie verdammt niedlich war – und er hatte die Kleine fast genauso schnell in sein Herz geschlossen wie sie ihn.

»Ich leih sie dir mal, wenn du willst«, bot Holly sofort großzügig an. »Oder wir können mal tauschen. Hellblau mag ich auch gerne.«

»Oh ja«, meinte Mac sofort. »Ihr solltet unbedingt mal tauschen. Mit der Regenbogen-Beanie würde Jamie sooo süß aussehen.«

Zack lachte und Jamie ignorierte beide geflissentlich. Stattdessen hielt er Holly seine Faust für ein Fistbump hin.

»Unsere Beanies rocken und wir können sehr gerne mal tauschen.«

»Cool!« Dann wandte sie sich wieder an Mac. »Kann ich bitte einen Erdbeer-Shake haben? Mit ein bisschen Banane drin? Und grüner Sahne drauf? Und mit Glitzerstreuseln?«

»Klar.«

»Danke!« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals.

»Für die grüne Sahne musst du aber in die Küche zu Tris. Die muss er dir machen.«

»Ich muss ihm eh noch Hallo sagen!« Holly strampelte und Mac ließ sie runter. »Ist Tony auch da?« Sie wartete die Antwort gar nicht ab und flitzte hinter der Theke schon los in Richtung Küche.

»Yep, ist sie.«

Die Glöckchen der Vordertür klingelten erneut und Cassie trat ein. »Guten Morgen zusammen. Und tut mir echt leid.« Sie trat zu den Jungs, legte ihre Umhängetasche auf den Barhocker neben Jamie und band ihre roten Locken im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammen. Wie Zack und Jamie trug sie dunkle Jeans und ein hellblaues T-Shirt mit dem Schriftzug des Sugar & Spice – die offizielle Dienstkleidung des Cafés. »Der erste Ferientag hat Holly völlig aufgedreht. Aber sobald sie alle begrüßt und ihren Shake hat, wird sie ruhiger. Versprochen. Und sie freut sich riesig darauf, neue Danke-Karten zu basteln.«

In einer Ecke des Sugar & Spice hatten Mac und Tris auf Hollys Wunsch eine Spiel- und Bastelecke für die kleinen Besucher des Cafés eingerichtet, und wann immer Cassie sie zu einer ihrer Schichten mitbrachte, spielte Holly dort mit den Besucherkindern oder schrieb kleine Karten mit »Danke, dass du hier warst« und verzierte sie mit Zeichnungen, bunten Stickern und jeder Menge Glitzer. Die verteilte sie mit einem strahlenden »Ich hoffe, ihr kommt bald wieder!« an die Gäste, wenn sie gingen.

»Falls sie doch irgendwann zu anstrengend wird oder sich langweilt, sag ich Glenda Bescheid, dann holt sie sie ab und geht mit ihr in den Park.«

Seit Cassie und ihr älterer Bruder Daniel sich im Frühjahr als Anonymous auf ziemlich kreative Weise bei Edward Dunnington um einem Job für Daniel beworben hatten, hatte sich viel für die drei Geschwister geändert. Statt in einer verlassenen Ruine zu hausen und sich mühsam mit Aushilfsjobs über Wasser zu halten, arbeitete Daniel nun bei VanguardArts im Team der Cyber-Sicherheit, während Cassie wieder zur Schule ging, um ihr Abitur zu machen. Dunnington hatte ihnen eine Wohnung in Fulham besorgt und mit Glenda einen Hightechroboter zur Seite gestellt, der ihnen im Haushalt half und auf Holly aufpassen konnte. Kate hatte Daniel außerdem mit den Anträgen auf das Sorgerecht für seine beiden jüngeren Geschwister geholfen und mit Edward Dunnington als Leumund waren die kein großes Problem gewesen. Nicht zuletzt, weil die Mutter der drei im Gefängnis saß, nachdem sie versucht hatte, ihre beiden Töchter an Freier zu verkaufen. Damit hatte Jessica Logan das Sorgerecht für ihre Kinder verwirkt.

»Hey, alles gut.« Mac schob Cassie einen Vanilla Latte hin, den sie am liebsten mochte. »Wir haben Holly gerne hier und sie war noch nie ein Problem. Und Tris und ich sind euch total dankbar dafür, dass ihr heute so kurzfristig hier einspringen könnt.« Er sah von einem zum anderen. »An einem ersten Ferientag haben junge Leute vermutlich eher andere Dinge vor, als ein Café zu schmeißen.«

Cassie zuckte bloß mit den Schultern. »Ich halte hier gerne die Stellung. Ich kann das Geld gut gebrauchen.«

»Und wir ziehen erst morgen in den Bunker«, winkte Jamie ab. »Heute hier auszuhelfen ist also überhaupt kein Problem.«

»Außerdem ist das doch wohl selbstverständlich«, meinte Zack. »Immerhin geht es darum, dass du und Tris Eltern werdet.«

Mac lächelte und fuhr sich durch die dunklen Haare. »Ja, wenn alles passt.«

»Habt ihr denn jetzt eigentlich schon mehr Infos zu dem Kind?«, fragte Cassie, während sie sich eine kurze Schürze umband, in deren Tasche sie ein kleines Gerät zum Aufnehmen der Bestellungen und Rechnungen verstaute, das Mac ihr reichte. »Und warum es plötzlich so schnell geht? Hattet ihr nicht erst ab Herbst mit Familienzuwachs gerechnet?«

Mac nickte. »Aber Tris und ich sind bereit, auch Notfälle aufzunehmen, und wir haben alle nötigen Vorbereitungen und Überprüfungen hinter uns. Daher geht es jetzt vielleicht ziemlich schnell – wenn die Chemie zwischen uns und den Kids stimmt.«