Leseprobe Anonymous Seite 4

 

»Na, deine Definition von Spaß und Action kenne ich mittlerweile.« Charlie stellte ihre Öllampe ebenfalls ab.

»Klaglos und würdevoll«, zog Jamie sie mit einem ironischen Singsang in der Stimme auf. »Das waren deine Worte.«

Charlie rollte die Augen. Entschlossen fasste sie ihren Säbel fester und ging auf die Schatztruhen zu. Sie kam keine drei Schritte weit, da wurde der Boden um sie herum unruhig. Knochenhände tauchten auf und Skelette wühlten sich aus dem Sand. Sechs, acht – mehr Gerippe, als Charlie auf die Schnelle zählen konnte. Die Knochenmänner schwangen rostige Säbel und stürzten sich mit wütendem Geklapper auf die Eindringlinge, die ihren Schatz rauben wollten. Charlie zögerte nicht lange und zerlegte das erstbeste Gerippe mit vier schnellen Hieben. Dann schwang sie herum und nahm sich das nächste Skelett vor.

Wow, ich bin wirklich gut geworden!

Auch ihr zweiter Gegner lag innerhalb kürzester Zeit als Knochenhaufen am Boden.

»Ich will ja jetzt nicht meckern«, sagte sie, während sie sich einem dritten Knochenmann widmete, »aber wie wahrscheinlich ist es, dass Fleisch und Haare komplett weggerottet sind, die Gerippe aber trotzdem noch Kleiderfetzen tragen?«

Das Skelett vor ihr trug eine zerschlissene Hose, Reste von einem Hemd, löchrige Stiefel und um seinen Totenschädel war ein schwarzes Piratentuch geknotet.

Ned kämpfte neben ihr und musste lachen. »Ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit strebt gegen null.«

»Aber sie sehen mit den Klamottenresten einfach viel cooler aus!« Jamie kämpfte auf Charlies anderer Seite gegen ein besonders riesiges Skelett, das in einem gammeligen Kapitänsmantel steckte und einen Piratenhut plus Augenklappe trug.

Charlie hatte ihr Gerippe erledigt und wandte sich zu Jamie um. Der Kapitän war stärker als die übrigen Gebeine und konnte nur besiegt werden, wenn sie ihn als Gruppe angriffen. Typisch, dass Jamie als Erster auf ihn losgegangen war.

»Lass mich raten.« Charlie attackierte das rechte Bein des Riesenskeletts, um es zu Fall zu bringen. »Die Vorlagen für diese Knochentruppe hast du gezeichnet?«

»Exakt.«

Der Kapitän begann zu wanken, als Jemma und Will ihn ebenfalls ihre Säbel spüren ließen. Trotzdem holte er mit seinem eigenen, verdammt riesigen Säbel aus und ließ ihn auf seine Angreifer niedersausen.

Rasch duckte Charlie sich und stieß ihrem Gegner gleichzeitig ihre Klinge in die Rippen. Knochen splitterten und fielen in den Sand.

»Die Biester sind toll geworden«, sagte sie anerkennend in Jamies Richtung. »Nur ein bisschen realitätsfern vielleicht. Ich meine, war der Captain Big Foot?! Der Klappermann hier ist mindestens zweieinhalb Meter groß!«

Jamie schickte ihr einen finsteren Blick, doch bevor er etwas erwidern konnte, musste er zur Seite springen, weil ihr Gegner wieder seinen Riesensäbel durch die Luft sausen ließ.

Zack schaffte es, mit einem gezielten Hieb die Kniescheibe des Kapitäns zu zertrümmern. Das Gerippe strauchelte und geriet mehr und mehr ins Wanken. Jamie verpasste ihm einen heftigen Tritt und als der Captain vornübergebeugt in sich zusammensackte, schlug er ihm den Kopf ab. Leblos fielen die restlichen Knochen auf einen Haufen. Ihr Gegner hatte endgültig das Zeitliche gesegnet.

Jamie betrachtete die still daliegenden Überreste einen Moment lang zufrieden, dann wandte er sich zu Charlie um und dolchte seinen Säbel in ihre Richtung. »Niemand, wirklich niemand, mag Klugscheißer.«

Charlie lachte. »Ich erinnere dich bei Gelegenheit daran, okay? Außerdem willst du von mir als eure Testerin doch ehrliches Feedback hören, oder nicht?« Dann deutete sie auf die Schatztruhen. »Können wir die jetzt plündern oder warten noch weitere fiese Überraschungen auf uns, sobald wir das Gold berühren?«

»Probier es doch aus«, gab Jamie zuckersüß zurück.

»Denkst du, ich trau mich nicht?« Charlie zog einen Beutesack aus dem Lederbeutel an ihrem Gürtel und trat an eine der Truhen. Vorsichtig legte sie eine Hand an den Deckel und sah sich um.

Nichts geschah.

Sie klappte den Deckel auf und blickte sich erneut um.

Wieder blieb alles ruhig.

Die Goldmünzen funkelten im Licht der Öllampen und Charlie hätte nichts lieber getan, als ihre Finger hineinzutauchen, doch sie blieb misstrauisch.

»Keine Sorge.« Jemma trat an eine der anderen Truhen, öffnete den Deckel und begann, die Münzen in ihren Beutesack zu schaufeln. »Der Captain war der Endgegner in dieser Quest. Du kannst das Gold einfach einsammeln. Jetzt passiert nichts mehr.«

Charlie strafte Jamie mit einem bösen Blick, doch der lächelte nur unschuldig zurück und sammelte ebenfalls die Beute ein.

»Das Dorf wird sich freuen«, meinte Charlie, als sie alle Münzen in die Säcke gefüllt hatten. »Damit können sie alles kaufen, was sie zum Wiederaufbau brauchen.«

»Yep«, nickte Ned.

»Ich schätze mal, wir nehmen die Teleportringe, um ins Dorf zurückzukommen?« Etwas flackerte im hinteren Teil der Höhle auf und alle wandten sich um. »Oder vielleicht doch nicht«, fügte Charlie hinzu. »Wow. Ist das ein Portal?«

An einer der Felswände war ein gut zwei mal zwei Meter großes Loch erschienen. An den Rändern unscharf wie verzerrter Nebel sah es ansonsten aus wie ein Durchgang in eine andere Welt. Wie durch ein riesiges Fenster sah man einen Weg, der zu einem alten schmiedeeisernen Tor führte, das rostig in den Angeln hin. Dahinter lag in einiger Entfernung ein verlassenes Herrenhaus. Düster ragte es in den wolkenverhangenen Himmel. Teile der Fassade waren abgebröckelt und die Fenster und Türen des Erdgeschosses mit Brettern vernagelt. Die Fenster in den oberen Etagen waren mit Vorhängen verhangen und etliche Scheiben hatten Sprünge. Im Dach fehlten ein paar Schindeln. Rechts neben dem Haus lag ein halb verfallener Spielplatz. Eine rostige Schaukel bewegte sich im Wind. Alles wirkte düster und grau – bis auf die beiden Worte, die mit blutroter Schrift auf die Fassade geschrieben worden waren.

HELFT UNS!

Charlie schluckte. »Na, wunderbar. Das sieht ja mal so gar nicht gruselig aus. Ist das unsere neue Quest?« Sie wollte einen Schritt näher ans Portal treten, doch Ned hielt sie zurück. »Was?«, fragte sie verwundert. »Soll ich diesmal nicht vorgehen?«

Ned starrte auf das Portal und schüttelte den Kopf. »Niemand geht da durch.« Er zog Charlie ein Stück zurück. »Im Gegenteil. Wir gehen aus dem Spiel. Sofort!«

Seine Stimme klang so dringlich, dass sich Charlies Magen zusammenzog.

»Warum?«

»Weil das da nicht in unser Spiel gehört.«

 

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