Leseprobe Anonymous Seite 3

 

Kapitel 2

Ned führte sie an und sie kletterten über kleinere Felsen hin zur Steilwand der Klippe. Hinter einer mit glitschigen schwarzen Algen überwucherten Felsformation lag versteckt eine Höhle. Vorsichtig schlitterten die sechs die Felsen hinab und landeten knöcheltief im Wasser, das den Eingang umspülte.

»Schon wieder nasse Füße?«, grummelte Charlie, als sie den anderen zögernd in den Felsspalt folgte. Ein dunkler Tunnel schlängelte sich tiefer in die Klippe hinein. Die Wände glänzten feucht und waren bis an die Decke mit Algen, Muscheln und Schneckenhäusern überzogen. »Bitte sagt mir nicht, dass hier gleich die Flut einsetzt und die nächste Quest auf Zeit geht.« Sie bedachte Ned mit einem vorwurfsvollen Blick. »Eigentlich hatte ich geschworen, dass ich nach der grässlichen Unterwasser-Quest in Yonderwood nie wieder einen Fuß in irgendein virtuelles Gewässer setzen werde. Und jetzt?! Jetzt schreiben meine Freunde ausgerechnet ein Piratengame, das zu gefühlten achtzig Prozent der bisherigen Spielzeit in, am und unter Wasser stattfand!«

Ned bemühte sich, angemessen zerknirscht auszusehen. »Das hier ist die letzte Quest mit nassen Füßen, versprochen. Und weil wir nett zu Chester waren, bekommen wir jede Menge Ausrüstung, mit der wir die Höhle schnell genug durchspielen können, sodass uns die einbrechende Flut nicht gefährlich werden kann.«

Er wies in den düsteren Gang hinein und Charlie erkannte im schwachen Sonnenlicht, das durch den Eingang fiel, eine verwitterte Holztruhe mit rostigen Eisenbeschlägen, die keine zehn Meter von ihnen entfernt an der Tunnelwand stand. Sie trat an den anderen vorbei und kramte Chesters Schlüssel aus ihrem Lederbeutel. Mit ein bisschen Rütteln passte er ins Schloss und ließ sich trotz jeder Menge Rost auch umdrehen.

Argwöhnisch blickte Charlie zu ihren Freunden auf. »Welche bösen Überraschungen springen mich an, wenn ich den Deckel öffne?«

Jamie verdrehte die Augen. »Gar keine. Das ist eine Bonustruhe, weil du nett zu Chester warst. Da drin sind Geschenke.« Gespielt beleidigt schüttelte er den Kopf. »Immer dieses total unverdiente Misstrauen.«

Charlie lachte ironisch auf. »Ja, total unverdient! Soll ich dir jetzt wirklich auflisten, warum ich dir keinen Millimeter über den Weg traue, mein Lieber?«

»Nee, lass es«, würgte Jemma sie ab, als Charlie gerade loslegen wollte. »Wir würden hier drin jämmerlich ersaufen, bevor du die Liste auch nur zur Hälfte fertig hättest.«

»Hey, ich bin dein Zwilling! Da solltest du eigentlich automatisch auf meiner Seite sein!«

Jemma strafte ihren Bruder mit einem vielsagenden Blick. »Wäre ich vielleicht auch, wenn du es irgendwann mal schaffst, deine dreckigen Klamotten nicht überall in unserem Badezimmer zu verteilen. Heute Morgen sah es schon wieder so aus, als wäre der Wäschekorb explodiert. Ich weiß gar nicht, wie du dieses Chaos immer hinkriegst!«

Jamie winkte lässig ab. »Das ist eine meiner leichtesten Übungen.«

»Außerdem ist mein Apfelshampoo leer.«

Abwehrend hob Jamie die Hände und setzte seine treuherzigste Unschuldsmiene auf. »Dafür kann ich wirklich nichts. Das Zeug riecht einfach zu lecker. Und es macht die Haare schön.«

»Wo er recht hat, hat er recht«, pflichtete Zack ihm bei und fuhr sich überflüssigerweise durch seinen strubbeligen virtuellen Haarschopf.

Will und Ned lachten. Jemma dagegen warf einen beschwörenden Blick an die Tunneldecke und versuchte, ihr inneres Om zu finden. Sie gab die Suche allerdings schnell wieder auf. Stattdessen bedachte sie Jamie und Zack mit einem teuflischen Grinsen.

»Mach die Truhe auf, Charlie, da sind Säbel drin. Und dann solltet ihr zwei zusehen, dass ihr ganz schnell Land gewinnt!«

In der Bonuskiste waren nicht nur Säbel, sondern auch Stiefel und Öllampen, die sie mit den Feuersteinen aus ihren Lederbeuteln entfachen konnten. Rasch statteten sie sich aus und weil das Wasser im Gang immer höher stieg, verzichtete Jemma darauf, ihre Säbelspitze Bekanntschaft mit zwei Hintern machen zu lassen. Aber der Zeitpunkt ihrer Rache würde schon noch kommen.

»Ich schätze, ich soll wieder die Führung übernehmen?« Charlie leuchtete tiefer in den Felsgang hinein. Sie war die Einzige, die nicht wusste, was an seinem Ende wartete. Zumindest nicht genau. Sie hatten in der Unterwasserstadt der Meermenschen herausgefunden, dass ein nicht unerheblicher Piratenschatz hier in dieser Höhle versteckt war. Um die Quest abzuschließen, mussten sie ihn jetzt nur noch finden – und sich dabei vermutlich mit den Geistern der Piraten herumschlagen, die sich sicher wenig angetan davon zeigen würden, dass ihnen jemand das lang gehütete Gold stehlen wollte.

»Du hast immer den Vortritt.« Ned grinste. »Das ist dein Vorrecht als unser Versuchskaninchen.«

Schicksalsergeben stiefelte Charlie los. »Na, dann trage ich dieses schwere Los mal klaglos und würdevoll.«

Jamie prustete. »Ja, klar.«

»Das hab ich gehört!«

»Sollte auch kein Geheimnis sein!«

Da ihr das einströmende Meerwasser bereits um die Waden schwappte, verkniff Charlie sich ein Wortgefecht und stapfte den Tunnel entlang. Die Wände glitzerten feucht im Licht der Öllampen. Es roch salzig und nach Seetang. Ein bisschen wunderte sie sich über sich selbst. Sie war noch immer keine Heldin, was CyberGames anging. Auch wenn die Monster nur virtuell waren und ihr nicht wirklich gefährlich werden konnten, hatte sie einen Heidenrespekt vor diesen Biestern. Genauso wie vor düsteren Tunneln, Kellern, Höhlen, Verliesen und ähnlich gruseligen Orten, die man in den Spielen immer wieder erkunden musste. Ihr Herz schlug dann immer noch jedes Mal bis zum Hals, doch es war nicht mehr so schlimm wie ganz am Anfang. So langsam wurde es ein Nervenkitzel, den sie genießen konnte. Und hier im Game ihrer Freunde Versuchskaninchen zu spielen, machte sogar richtig Spaß. Vielleicht lag es daran, dass sie als Testerin anders an die Sache heranging. Nicht ganz so sehr ins Setting und die Geschichte eintauchte. Einen gesunden Abstand behielt, der deutlicher klarmachte als sonst, dass das hier nur ein Spiel war. Oder es lag daran, dass sie wusste, dass die anderen das Spiel programmiert und damit immer alles im Griff hatten.

Der Weg stieg nun an, was den Wasserspiegel sinken ließ und das Laufen leichter machte. Zwei Biegungen später liefen sie über feuchten Sand und im flackernden Schein ihrer Lampen war zu erkennen, dass der Felsgang in einiger Entfernung breiter wurde.

Charlie hob ihren Säbel und lief zügig weiter. Erst nasse Finsternis in der Unterwasserwelt, jetzt feuchte Dunkelheit hier unter den Klippen. Sie wollte endlich zurück ins Tageslicht und mit dem gefundenen Schatz einem kleinen Dorf helfen, dem es nach den Plünderungen durch eine brutale Piratengang ziemlich dreckig ging.

Der Tunnel mündete in eine Höhle und Charlie hielt ihre Öllampe hoch, um den neuen Spielort so gut es ging auszuleuchten. Die Höhle hatte in etwa die Größe eines Klassenzimmers, mit rauen schwarzen Felswänden und hellem Sandboden. Beides war feucht, was bedeutete, dass die steigende Flut ihnen immer noch gefährlich werden konnte. In der Mitte der Höhle standen drei große Holztruhen, denen die Gezeiten im Laufe der Jahre ordentlich zugesetzt hatten. Das Holz war modrig und aufgequollen, die Eisenbeschläge rostzerfressen. Die Deckel der Truhen waren aufgesprungen und unzählige Goldmünzen funkelten im Lichtschein.

»Na, das nenn ich mal eine ordentliche Beute«, meinte Charlie zufrieden. »Schade nur, dass wir sie garantiert nicht einfach so mitnehmen können, stimmt’s?«

»Wäre dann ja todlangweilig.« Jamie zog seinen Säbel und stellte seine Öllampe an der Felswand ab. »Geh einfach auf den Schatz zu, dann sorgst du für ein bisschen Spaß und Action.« Sein erwartungsfrohes Lächeln sprach Bände.