Leseprobe Anonymous Seite 2

 

»Wie denn? Im Chor?« Jemma bedachte ihn mit einem schiefen Blick. »Und Will hab ich es sowieso schon erzählt.«

Sprachlos sah Jamie von ihr zu Will.

Der lachte und klopfte ihm gutmütig auf die Schulter. »Sorry, Kumpel. Aber es beruhigt mich gerade ungemein, dass dir eure Zwillingsmagie nicht alles über deine Schwester verrät.«

Jamie verzog das Gesicht, sagte aber nichts mehr, sondern wischte sich nur betont würdevoll die nassen Haare aus der Stirn. »Na fein! Dann wissen jetzt ja alle Bescheid. Und? Habt ihr Lust auf zwei Wochen Strandurlaub? Jem, Zack und ich fahren auf jeden Fall. Und Dad und Kate kommen auch mit. Wäre cool, wenn ihr auch dabei wärt.«

»Machst du Witze? Klar sind wir dabei!« Wie immer, wenn Charlie von etwas begeistert war, gab sie sich kein bisschen Mühe, damit hinter dem Berg zu halten. »Eure Großeltern sind genial und ich würde sie liebend gern wiedersehen! Und eure Tante wird doch bestimmt auch da sein, oder?«

»Sicher. Du glaubst doch nicht, dass Anna irgendwo hinfährt, wenn sie weiß, dass wir kommen.«

»Cool! Sag ihnen, wir freuen uns riesig über die liebe Einladung und kommen sehr gerne mit.« Charlie strahlte, blickte dann aber kurz zu Ned. »Oder?«

Ned nickte sofort. »Auf jeden Fall. Habt ihr denn schon eine Zeit ausgesucht? «

»Noch nicht«, sagte Jamie. »Dad und Kate müssen sehen, wann sie Urlaub nehmen können.«

Charlie fiel Jemma um den Hals. »Wie cool, ich freue mich riesig! Das werden bestimmt total geniale zwei Wochen! Du musst mir auf jeden Fall die E-Mail-Adresse von deinen Großeltern geben, damit ich ihnen schreiben kann. Ihre Einladung ist sooo lieb.«

»Vermutlich wollen sie einfach nur nicht, dass uns langweilig wird«, meinte Jamie. »Whitby ist ziemlich klein.«

Zack strubbelte sich durch die nassen Haare. »Whitby hat fast vierzehntausend Einwohner. So klein ist das gar nicht.«

»Verglichen mit London schon!«

»Verglichen mit London ist so gut wie jede Stadt ein Dorf, du Nuss!« Charlie versuchte ihre Hemdsärmel auszuwringen, als ihr plötzlich etwas in den Zeh zwickte. Erschrocken sprang sie einen Schritt zur Seite. Ein handtellergroßer Krebs hatte sich aus dem warmen Sand gewühlt und offensichtlich großen Gefallen an ihrem kleinen Zeh gefunden. Fröhlich krabbelte er ihr hinterher und zwickte sie noch einmal. Wieder sprang Charlie ein Stück zurück und ihr war sofort klar, wem sie den kleinen Kneifer zu verdanken hatte.

»Jaaamie … Warum versucht hier eine Krabbe mit meinen Zehen anzubandeln?«

Jamie grinste. »Darf ich vorstellen? Das ist Chester. Chester, das ist Charlie.«

Chester hob begeistert seine Scheren und wuselte wieder hinter Charlie her, die zwei weitere Schritte aus seiner Reichweite tänzelte.

»Jamie, ich schwöre dir, bei nächster Gelegenheit –«

»Hey, Chester ist total harmlos! Der will nur spielen.«

»Ja, aber nicht mit meinen Zehen! Lass ihn doch mit deinen spielen!« Charlie hob ein Stück Treibholz auf und stupste den Krebs damit von sich.

»Ähm, das würde ich an deiner Stelle lieber lassen«, warnte Ned. »Wenn du ihn ärgerst, ruft das seine Familie auf den Plan und die mögen es gar nicht, wenn ihr Baby nicht seinen Willen bekommt.«

Sofort verharrte Charlie in ihrer Bewegung und blickte von ihm zu Jamie. »Seine Familie?!«

Das unverschämte Grinsen in Jamies Gesicht sprach Bände. »Yep. Daddy Thaddeus, Mummy Lucinda und die Geschwister Roderick, Shania, Imogen, Jeremiah und Van Helsing. Letzteres ist natürlich nur ein Künstlername. Sein richtiger Name ist Hugo, aber den fand er wegen seiner Zukunftspläne unpassend. Hugo will Superheld werden und es irgendwann mit allen Meermonstern alleine aufnehmen. Deshalb sein Künstlername – Van Helsing.«

Einen Moment lang starrte Charlie ihn sprachlos an, dann wanderte eine ihrer Augenbrauen in ungeahnte Höhen. »Dazu muss ich jetzt nichts sagen, oder?«

Ned, Jemma, Zack und Will lachten, Jamie dagegen zog eine Schnute.

»Also ein kleines Lob wäre schon schön«, tat er gekränkt. »Eigentlich denkt Zack sich immer die ganzen coolen Hintergrundgeschichten aus, aber die hier stammt von mir!«

Jetzt konnte auch Charlie nicht mehr ernst bleiben. »Himmel hilf. Autsch!«

Chester hatte ihre Unaufmerksamkeit prompt ausgenutzt und war wieder auf zwickende Tuchfühlung mit ihrem kleinen Zeh gegangen.

»Okay, was muss ich tun, um dieses etwas zu aufdringliche Kerlchen wieder loszuwerden? Und ich hätte gerne eine Lösung, bei der ich nicht den Rest der Familie kennenlernen muss!«

»Heb ihn hoch, kraul ihm kurz den Bauch und dann lass ihn wieder frei«, sagte Zack. »Chester will nur ein bisschen Aufmerksamkeit und Liebe. Das ist alles.« Er legte seinen Arm um Jamie. »War auch Jamies Idee.«

Charlie sah von ihm zu Jamie und ihr Blick wurde weich. »Awww … Okay, das ist jetzt echt süß.« Sie nahm Chester hoch und kraulte ihm kurz den Bauch, was die kleine Krabbe sofort mit freudigem Scherenklappern quittierte. »Euch ist aber schon klar, dass kein Spieler von alleine auf diese Lösung kommen wird, ja?«, meinte sie, als sie Chester wieder absetzte und zusah, wie er sich im warmen Sand einbuddelte.

»Man kann auch einfach vor ihm weglaufen«, erklärte Ned. »Chester läuft einem zwar hinterher, aber er ist nicht schnell genug, wenn die Spieler rennen. Wenn sie ihn allerdings angreifen oder töten wollen, ruft das seine Familie auf den Plan und die sind schneller – und so groß wie Autoreifen.«

»Und weil alle Spieler ihre Waffen während der Gefangenschaft bei den Meermenschen verloren haben, ist ein Kampf dann verdammt schwierig. Man kann sich nur mit Treibholz und ein paar Planken verteidigen, die hier am Strand herumliegen«, fuhr Zack fort.

»Wenn man aber nett zu Chester ist, passiert das da.« Jamie wies auf die Stelle, an der die kleine Krabbe gerade verschwunden war. Einen Moment lang lag der Sand ruhig da, dann tauchte Chester plötzlich wieder auf und hielt einen alten, ziemlich rostigen Schlüssel in einer seiner Scheren. Er trippelte auf Charlie zu und hielt ihn ihr hin.

»Oh, danke!« Charlie nahm den Schlüssel und tätschelte Chester kurz über seinen Panzer. Fröhlich klapperte der kleine Krebs noch einmal mit seinen Scheren und verschwand dann endgültig im Sand.

»Das ist der Schlüssel für eine Bonustruhe«, erklärte Jamie. »Nettsein zahlt sich hier im Spiel aus.«

Charlie musste lächeln und steckte den Schlüssel in einen kleinen Lederbeutel, der von ihrem Gürtel baumelte. »Wisst ihr, manchmal überlege ich echt, ob ich nicht doch eine berühmte Rocksängerin werden sollte. Und sei es nur, damit ich der ganzen Welt erzählen kann, was für herrlich verrückte und wunderbar schräge Freunde ich habe.«

Alle grinsten, doch dann wisperte Zack aus dem Mundwinkel zu den anderen: »Mal sehen, ob sie immer noch so nett von uns denkt, wenn sie gleich mit uns in die vergessene Höhle runtersteigen muss.«