Leseprobe Anonymous

 

Kapitel 1

Sonnenstrahlen brachen sich glitzernd im Wasser. Ein verheißungsvolles Versprechen auf ein Ende von Kälte und Dunkelheit.

Unzählige kleine Luftbläschen stiegen um sie herum in die Höhe und wiesen ihr den Weg.

Endlich.

Und jetzt bloß nicht mehr nach unten sehen!

Charlie war heilfroh, dass ihnen die Flucht aus der gruseligen Unterwasserwelt gelungen war, und sie wollte diese verdammte Finsternis jetzt einfach nur noch hinter sich lassen. Zurück an die Oberfläche, in Wärme und Sonnenlicht. Und so weit wie möglich fort von schuppigen, glitschigen Meermenschen und ihren Monstern, die viel zu viele spitze Zähne hatten – sowohl die Meermenschen als auch die Monster. Manchmal fragte sie sich, ob sie sich nicht vielleicht ein kleines bisschen Sorgen darüber machen sollte, auf welch düsteren Pfaden Jamies Fantasie unterwegs war, wenn er sich solche Wesen ausdachte.

Die Silhouetten der anderen strampelten neben ihr durchs heller werdende Wasser Richtung Oberfläche. Ned war dicht an ihrer Seite. Grinsend formte er mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis und deutete nach oben. Selbst durch Wasser und Luftbläschen fiel es ihr leicht zu erkennen, wie happy er war.

Sie lächelte zurück und formte dasselbe Zeichen: Alles okay.

Das hier war Neds Welt. Er hatte sie gemeinsam mit Jamie, Jem, Will und Zack geschaffen. Fast ein ganzes Jahr arbeiteten sie jetzt schon daran und so langsam wurde ihr Piratenabenteuer fertig. Vieles musste nur noch getestet werden, und auch wenn Charlie sich sicher war, dass sie sich in gruseligen CyberGames niemals hundertprozentig zu Hause fühlen würde, war sie unglaublich stolz auf das, was ihre Freunde hier erschaffen hatten. Und sie liebte Ned viel zu sehr, um ihm abzuschlagen, sein Versuchskaninchen zu spielen. Schließlich verpasste er auch nie einen ihrer Auftritte, wenn sie mit ihrer Band auf der Bühne stand.

Nur noch ein paar Meter, dann hatten sie die Wasseroberfläche erreicht.

Wird auch langsam Zeit …

Avatare mussten nicht atmen, also konnten sie auch nicht ertrinken. Doch der Zauber, der sie in der Unterwasserstadt hatte überleben lassen, war erloschen, sobald sie geflohen waren. Und jetzt simulierte irgendein Tool das Gefühl, ganz, ganz dringend Luft holen zu müssen.

Noch zwei Schwimmzüge … noch einer … dann durchbrach ihr Kopf endlich die Wasseroberfläche. Neben ihr jubelten Zack und Jamie. Will hatte Jem in seine Arme gezogen und gab ihr einen Kuss.

»Du warst fantastisch!« Ned schlang seine Arme um Charlie und küsste sie ebenfalls.

»Danke. Aber weißt du, was ich wirklich fantastisch fände? Wenn wir so schnell wie möglich aus diesem Wasser verschwinden könnten. Sonst hab ich die ganze Zeit das Gefühl, jeden Augenblick zieht mich wieder irgendwas zurück nach unten, weil die Meermenschen uns all ihre Monster hinterherschicken.«

Beruhigend schüttelte Ned den Kopf. »Keine Angst, das ist nicht vorgesehen. Wenn man die Flucht aus Aquaris geschafft hat, ist die Quest vorbei und wir müssen uns nur noch die Belohnung abholen.«

Charlie schnaubte ironisch. »Nur noch … Klar! Als ob du und Jamie euch dafür nicht auch noch ein paar Fieslichkeiten ausgedacht hättet, damit das bloß nicht zu einfach wird!«

Neds Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. »Na, alles andere wäre ja wohl auch entsetzlich langweilig, oder?« Er deutete zu den anderen, die sich bereits auf den Weg gemacht hatten und um die steile Klippe herumschwammen, die vor ihnen in den strahlend blauen Himmel hinaufragte. »Da geht’s lang zum sicheren Strand. Wenn du versuchen würdest zur Klippe zu schwimmen, um dort rauszuklettern, würde dich die Strömung nach unten ziehen und am Felsen zerschmettern.«

Charlie warf einen unbehaglichen Blick auf die imposante Felswand, an der sich unruhig die Wellen brachen. »Na, schönen Dank, dass ich das nicht testen muss.« Schnell schwamm sie in gebührendem Abstand zur tödlichen Strömung hinter den anderen her.

»Keine Sorge, das haben Jamie und ich gestern schon gemacht.« Ned schwamm neben ihr her.

»Und? Hat’s funktioniert?«

»Einwandfrei.«

»Dann danke, dass ihr zwei das alleine gemacht habt! Ich bin nämlich nicht sonderlich scharf darauf, meinen Freunden ständig beim Sterben zuzusehen, nur weil ihr ausprobieren müsst, ob alle siebenhundertachtunddreißig Todesarten, die ihr hier eingebaut habt, auch wirklich funktionieren.«

Ned schmunzelte. »Eigentlich hat das Ganze mittlerweile einen gewissen Komikfaktor.«

Charlie bedachte ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Manchmal frag ich mich echt, wie finster Humor sein kann.«

»Oh, Jamie, Zack und ich perfektionieren gerade jede einzelne Nuance von Schwarz.«

Sie spritzte eine Salve Wasser nach ihm. »Ja, genau das passt zu euch!«

Keine fünf Minuten später ließ Charlie sich erschöpft auf die Knie in den warmen Sand sinken. »Himmel, das wurde aber auch Zeit!« Das Licht an ihrer Armschelle leuchtete orange, die Flucht aus den Tiefen der Keltischen See hatte sie einiges an Lebensenergie gekostet. »Ich weiß, wir leben auf einer Insel, und das, was ihr fünf da unter Wasser zusammenprogrammiert habt, ist auch total beeindruckend und so. Aber die Lust auf Meer und Strandurlaub habt ihr mir damit echt versaut.« Sie wrang ihre schwarzen Locken aus und sah an sich herunter, um den Schaden zu begutachten, den der Ausflug in die Unterwasserwelt an ihrem Piratenoutfit angerichtet hatte. Ihre Stiefel waren futsch. Das nasse Leder hätte sie auf der Flucht zur Oberfläche nur unnötig langsamer gemacht. Die wenig schmeichelhafte dunkle Pumphose war tropfnass und wies etliche Risse auf, genau wie das helle Hemd. Einzig die Korsage, die sie darüber trug, schien halbwegs unversehrt – und im Gegensatz zum dünnen Hemdstoff, der an ihren Armen klebte, war die robuste Korsage nicht durch die Nässe durchsichtig geworden.

Danke, Jem!

Sie wusste, dass Jemma für das Design der Kleidung im Spiel zuständig war. Und ihre beste Freundin hatte gewissenhaft dafür gesorgt, dass es für Mädchen in nassen Klamotten nicht peinlich wurde. Charlie blickte zu den Jungs und musste sich auf die Lippen beißen, um nicht zu grinsen. Deren Klamotten sahen nach dem Unterwasserabenteuer nämlich kein bisschen besser aus, doch bei männlichen Spielern in tropfnassen Hemden hatte Jemma dafür gesorgt, dass man als Mädchen etwas zu gucken bekam – oder als Junge, wenn man drauf stand. Vielleicht hatten da also Jamie und Zack auch ein Wörtchen mitgeredet.

Charlie wollte gerade danach fragen, als Jemma sagte: »Wäre aber schade, wenn du Meer und Strandurlaub auf ewig abschwören würdest.« Sie strich sich ein paar nasse Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich aus ihrem geflochtenen Zopf gelöst hatten. »Grandma hat nämlich heute Morgen angerufen und gefragt, ob wir in den Sommerferien für zwei Wochen nach Whitby kommen wollen. Sie und Grandpa würden die Pension dann schließen und wir hätten das Haus ganz für uns. Und sie hat gesagt, wir dürfen Freunde mitbringen. Aber da Whitby an der Ostküste liegt und man vom Haus fast direkt ins Meer fällt, hat sich die Einladung für dich wohl leider erledigt.«

Charlie blickte sie überrumpelt an. »Ist das ein Scherz? Deine Großeltern laden uns alle für zwei Wochen in ihr Bed & Breakfast ein?«

»Hey!« Empört wandte Jamie sich zu seiner Schwester um. »Die Überraschung wollten wir ihnen doch gemeinsam verraten!«