Leseprobe Burning London Seite 8

 

»Kein Problem. Wahrscheinlich hat Dad sein Handy im Arbeitszimmer liegen und den Anruf nicht gehört. Aber er ist bestimmt gleich fertig.« Jemma machte eine einladende Handbewegung ins Haus hinein. »Möchten Sie hier drinnen auf ihn warten? Im Auto ist es bestimmt tierisch kalt.«

»Sehr gerne. Danke.« Carrigan folgte Jemma in den Wohnbereich und grüßte Jamie, Zack und Will, die mittlerweile zusammen auf dem Sofa saßen. »Hallo, Jungs.«

Die drei grüßten zurück und Zack fügte mit einem frechen Grinsen hinzu: »Wow, Sie sehen toll aus. Besonders mit den Schuhen.«

Die Staatsanwältin trug ein langes, dunkelgrünes Samtkleid mit dezentem Silberschmuck, das hervorragend zu ihren kastanienbraunen Haaren passte, die sie elegant hochgesteckt hatte. Ihr schwarzer Wintermantel harmonierte dagegen weniger mit dem Outfit und ein noch viel größerer Stilbruch waren die weißen Sneakers, die unter dem Samtstoff ihres Kleides hervorguckten.

Carrigan blickte auf ihre Füße und lachte. »Ja, die sind der letzte Schrei. Besonders bei Frauen wie mir, die mit hohen Absätzen nicht Auto fahren können. Und die Stola, die eigentlich zu diesem Kleid gehört, sieht zwar wahnsinnig toll aus, aber bei den Temperaturen da draußen lebe ich grundsätzlich nach dem Motto: Wärme vor Schönheit. Also kommt die Stola erst zum Einsatz, wenn ich in Tiverton Hall angekommen bin und die feinen Ladys der juristischen Gesellschaft geschockt in Ohnmacht fallen würden, falls ich dort in einem schnöden Wintermantel aufkreuzen sollte. Obwohl – dann wäre bei dem Ball vielleicht endlich mal was los.« Sie grinste, als würde ihr die Vorstellung durchaus gefallen.

Jemma und die Jungs mussten lachen.

»Wenn Robert ein bisschen mehr Gentleman wäre, hätte er das Fahren übernommen und Ihnen wenigstens die Schuhe ersparen können«, meinte Zack, doch die Staatsanwältin winkte ab.

»Er liegt auf meinem Weg, nicht ich auf seinem. Und er ist schon ein unfassbarer Gentleman, indem er mich begleitet. Nach dem, was im Herbst mit seinem Boss passiert ist, hätte Robert den Juristenball in diesem Jahr vermutlich lieber ausgelassen. Das ganze Gerede über Raymond Finch und seine Kanzlei hat zwar nachgelassen, aber ich fürchte, um die ein oder andere Fragerei wird er heute Abend trotzdem nicht herumkommen.«

Die Tatsache, dass Raymond Finch einen seiner Angestellten sowie dessen Kinder als Geiseln genommen hatte, um so durch einen dreckigen Deal mit Richard Huntley seine Spielschulden loszuwerden, hatte in der juristischen Gesellschaft von London jede Menge Wellen geschlagen, und es war Carrigan anzusehen, dass sich ihre Begeisterung darüber, gleich einen ganzen Abend im Kreis ihrer neugierigen Kollegen verbringen zu müssen, in Grenzen hielt.

Sie sah zur Treppe. »Vielleicht hat er es sich ja doch noch anders überlegt …?«

Jamie schüttelte den Kopf. »Quatsch. Dad kneift nicht.« Er wandte sich ebenfalls zur Treppe um. »Dad! Komm aus dem Quark!«

Im ersten Stock fiel eine Tür zu, Schritte erklangen auf dem obersten Treppenabsatz und kurz darauf erschien Robert im Wohnzimmer. Er trug einen eleganten schwarzen Anzug mit Fliege, auf Hochglanz polierte Schuhe und zog sich im Gehen seinen besten Mantel über.

»Tut mir leid«, sagte er mit einem entschuldigenden Lächeln in Kates Richtung. »Ich wollte dich nicht warten lassen, aber mir ist ein Schnürsenkel gerissen und ich musste kreativ für Ersatz sorgen.«

Alarmiert hob Kate die Augenbrauen. »Wie sehr kreativ …?«

»Ehm …« Er musterte ihr sportliches Schuhwerk. »Definitiv weit weniger kreativ als du. Ich hab nur umgefädelt, nicht sportlich elegant komplett überinterpretiert.« Er deutete auf ihre Sneakers. »Ein bisschen gewagt, aber dir steht es außerordentlich gut.«

Sie strafte ihn mit einem Augenrollen. »Newsflash an die Männerwelt: Cinderella hat nur gläserne High Heels getragen, weil sie eine Kutsche hatte, die sie zum Ball gebracht hat. Wenn sie vernünftige Schuhe getragen hätte und Auto gefahren wäre, hätte es den ganzen Schlamassel mit dem Prinzen nie gegeben.«

Robert lachte und wollte etwas erwidern, doch die Staatsanwältin schüttelte nur den Kopf. »Nein, mein Lieber, mach jetzt besser von deinem Recht zu schweigen Gebrauch, sonst könnte es passieren, dass du in deinen umgefädelten Hochglanztretern bis Tiverton Hall neben meinem Wagen herjoggen musst.« Sie hakte sich bei ihm unter und wandte sich Richtung Haustür. »Und jetzt sollten wir uns beeilen. Wenn wir uns diesen verdammten Ball schon antun müssen, will ich wenigstens ankommen, bevor Donna Braxton und ihr Gefolge das Buffet komplett geplündert haben.« Sie wandte sich noch einmal um und winkte Jemma und den Jungs zum Abschied zu. »War schön, euch wiederzusehen.«