Leseprobe Burning London Seite 6

 

Will gab ihr einen Kuss auf den Kopf. Eigentlich hatte er mit seinem Tablet im Internet gesurft, doch Jemma zu beobachten, machte deutlich mehr Spaß. »Du siehst unglaublich süß aus, wenn du so stolz auf ihn bist.«

Jemma lächelte und schmiegte sich an ihn. »Viel wichtiger ist, dass er endlich anfängt, selbst auf sich stolz zu sein.«

Will streichelte ihren Arm entlang und folgte ihrem Blick. »Es war ziemlich cool von Zack, heimlich den Schrittzähler mitzunehmen.«

»Ja, das war es.« Plötzlich musste sie schwer schlucken. Zack war für sie wie ein Bruder, den sie genauso sehr liebte wie Jamie, und obwohl Zack bei Russells Messerattacke mit dem sprichwörtlichen blauen Auge davongekommen war und es ihm mittlerweile endlich wieder gut ging, traf es sie manchmal immer noch wie aus heiterem Himmel, wie leicht sie ihn auch hätte verlieren können.

Wills Tablet summte und meldete eine eingegangene E-Mail. Dankbar für die Ablenkung spähte Jemma auf die elektronische Post und erkannte das Logo seiner Collegebibliothek.

»Arbeit?«

»Ich hab mir Unterlagen für eine Hausarbeit schicken lassen.« Er legte das Tablet weg.

Jemma schwieg einen Moment, dann fragte sie: »Zu welchen Seminaren gehst du denn jetzt überhaupt noch hin?«

»Nur zu denen mit Anwesenheitspflicht. Zum Glück gibt es die meisten Vorträge aber online und viele Seminare werden als Live-Schaltung angeboten. Das ist immens praktisch.«

»Hm.«

Sie hatten alle geglaubt, dass nach Neds Coming-out Jamie und Charlie diejenigen sein würden, auf die sich die Paparazzi stürzten, doch es war Will gewesen, den sie – in der Hoffnung auf ein Interview mit einem weiteren Mitglied der Dunnington-Familie – belagert hatten. Der Dekan seines Colleges hatte zwar der Campus-Security die Anweisung gegeben, alle Reporter des Geländes zu verweisen, doch Tumult und Aufsehen hatten sich trotzdem nicht verhindern lassen. Die Unruhe war weder beim Lehrpersonal noch bei Wills Kommilitonen besonders gut angekommen, da er unter ihnen ohnehin schon keinen sonderlich guten Stand hatte. Viele neideten ihm, dass er Wirtschaft und Management studierte und sich danach in der äußerst erfolgreichen Firma seines Vaters ins gemachte Nest setzen konnte.

»Was, hm?«, hakte Will nach.

Jemma spielte mit seinen Fingern und sah wieder zu ihm auf. »Hast du schon mal darüber nachgedacht, das College zu wechseln? Du versuchst jetzt seit einem halben Jahr mit den Leuten dort zurechtzukommen, aber sowohl deine Profs als auch deine tollen Mitstudenten sind immer noch ätzend zu dir. So einen Mist musst du dir doch nicht antun. Es gibt in London noch andere Colleges, die deine Fächer anbieten.«

Er wand seine Hand aus ihrer und wischte sich über die Augen. »Und da schreibe ich mich dann unter falschem Namen ein? Selbst wenn ich das wollte, würde es nicht funktionieren. Dafür gingen in letzter Zeit zu viele Bilder von mir durch die Presse. Ein echter Neustart würde vermutlich nur dann funktionieren, wenn ich aus England wegginge, und das ist mir das blöde Studium nicht wert.«

Er nahm wieder Jemmas Hand und spielte mit dem bunten Glasring an ihrem Finger. Das Ding sah aus wie aus einem Kaugummiautomaten, kam aber aus einem kultigen Secondhandladen in Soho, in dem sie heute fast eine Stunde lang mit Charlie herumgestöbert hatte.

Der Gedanke, Will womöglich nicht mehr in ihrer Nähe zu haben, gefiel Jemma kein bisschen, doch es ging hier um seine Zukunft und da durfte sie nicht egoistisch sein. »Aber das mit uns – das würden wir schon irgendwie hinkriegen, wenn du doch weggehen wollen würdest …«

Entschieden schüttelte er den Kopf. »Nein. London ist mein Zuhause und ich will hier nicht weg. Und was uns beide angeht, will ich nichts irgendwie hinkriegen.« Er zog sie fest an sich. »Du bist mir so viel wichtiger als dieses blöde Studium«, murmelte er in ihr Haar.

Jemma streichelte über seine Rippen. »Aber ich will nicht, dass es dir mies geht, weil diese bescheuerten Leute an deinem College dich ständig blöd anmachen.«

»Der Medienrummel hat ja endlich wieder nachgelassen. Und ich bin mittlerweile echt gut darin, bescheuerte Leute einfach zu ignorieren.« Er seufzte. »Außerdem bin ich mir eh nicht mehr sicher, ob dieses Studium überhaupt was für mich ist. Die meisten Seminare finde ich grottenlangweilig und wenn die ein Vorgeschmack darauf sind, wie es einmal wird, wenn ich Dads Firma übernehme, dann weiß ich nicht, ob ich das wirklich für den Rest meines Lebens machen will.«

Jemma schwieg und strich nur weiter über seine Rippen. Sie hatte schon gemerkt, dass er sich nicht nur wegen seiner Professoren und Kommilitonen mit dem College schwertat.