Leseprobe Burning London Seite 4

 

Eine Woche später erlebten die Besucher von Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett einen ziemlichen Schock, als die Wachspuppen plötzlich lebendig wurden und begannen, im Gebäude herumzuspazieren. Doch auch das nahmen Besucher und Betreiber mit Humor und es lockte nur noch mehr neugierige CyberWeltler ins virtuelle London.

Als nächste Aktion kaperten R.A.T.s die bunte LED-Wand am Piccadilly Circus. Die zeigte auf einmal keine Werbespots mehr, sondern Softpornoszenen, was zum ersten Mal für geteilte Reaktionen sorgte. Zwar waren die meisten CyberCity-Besucher über sechzehn Jahre alt und Schulklassen, die Museen oder Galerien besuchten, konnten sich direkt in die Ausstellungsorte einwählen, ohne dass die Kleinen am Piccadilly womöglich Dinge zu sehen bekamen, die noch nicht für ihre Augen bestimmt waren. Doch auch bei vielen erwachsenen Besuchern trafen die freizügigen Filmchen auf nicht ganz so viel Gegenliebe und zum ersten Mal wurden Stimmen laut, die UrbanityNeXt aufforderten, etwas gegen die Hacks der R.A.T.s zu unternehmen.

Diese Forderungen wurden noch um einiges lauter, als bei der nächsten Aktion der Aktivisten plötzlich alle Ein- und Ausgänge der Museen und Galerien wie von Geisterhand zugemauert waren, sodass die Besucher die Gebäude nur verlassen konnten, indem sie sich per Armschelle an einen anderen Ort der CyberCity teleportieren ließen oder sich komplett aus CyberLondon ausloggten. UrbanityNeXt versprach, dass man an dem Problem arbeiten und alle Fehler, die R.A.T.s ins Programm gebracht hatten, ausmerzen würde. Bisher schienen sie dabei allerdings noch keinen Erfolg gehabt zu haben. Alle Hacks existierten weiterhin in der Cyberstadt und seit Anfang der Woche erstrahlte Marble Arch jetzt zusätzlich noch in schrillem Pink.

Jemma hob die Schultern. »Was genau die Ratten vorhaben, verraten sie ja vorher nie. Es gab nur eine Ankündigung, dass heute Abend um neun Uhr etwas so Gewaltiges in CyberLondon stattfinden wird, dass es alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen und für mächtig viel Gerede sorgen soll.«

»Wow, klingt ja wahnsinnig geheimnisvoll«, meinte Jamie nur mäßig beeindruckt. »Woher wisst ihr davon?«

»Im PizzaShack lief CityRadio. Da haben sie davon berichtet. Und auf der Internetseite von R.A.T.s steht die Ankündigung auch.«

Zack runzelte die Stirn. »Ich verstehe echt nicht, was diese Chaoten sich davon versprechen. Angeblich finden sie die CyberWorld schlecht, gefährlich, wirtschaftlich bedenklich, moralisch höchst verwerflich und weiß der Himmel was sonst noch. Sollten sie dann nicht eigentlich eher Aktionen planen, die die Leute dazu bringen, die C-World nicht mehr zu betreten, statt irgendwelchen Murks in CyberLondon einzubauen, den sich jeder ansehen will? Vor allem, wenn sie jetzt auch noch mächtig geheimnisvolle Ankündigungen für etwas ganz Großes machen, was die Leute dann ja nur noch neugieriger machen wird. Ist das nicht irgendwie ziemlich kontraproduktiv?«

»Das sind halt einfach Idioten, die sich wichtigmachen wollen«, schnaubte Jamie. »Klar sind wir heute alle ziemlich abhängig von der Technik. Na und? Dafür ist das Leben aber auch viel einfacher geworden und die Menschen leben deutlich länger. Soll das etwa schlimm sein? Ich wette, die Typen von R.A.T.s mögen auch heiße Duschen und Waschmaschinen und kochen sich ihr Teewasser nicht über offenem Feuer. Und wenn sie Stromnetze oder Flughäfen mit irgendwelchen Computerviren lahmlegen oder jetzt in der C-World herummurksen, dann benutzen sie dafür ja auch die Technik. Also sind sie eigentlich ziemliche Heuchler. Wenn es ihnen nur darum ginge, ohne moderne Technik klarzukommen, dann könnten sie sich irgendwo ein Stück Land kaufen, wie im Mittelalter leben und mit ein paar selbstgemalten Handzetteln Leute ansprechen, um sie von ihrem Lebensstil zu überzeugen. Dagegen hätte sicher kein Mensch was. Jeder so, wie er mag. Aber das tun sie ja nicht. Sie beschädigen Gemeingut, stiften Chaos und Unruhe und wollen sich bloß wichtigmachen.«

»Hatte dein Dad eigentlich auch schon mal Stress mit denen?«, fragte Zack an Will gewandt.

Will zuckte mit den Schultern. »Sicher. Es gibt immer mal wieder böse Briefe, manche auch mit irgendwelchen Drohungen, aber bisher war noch nie etwas Ernstes darunter. Solche Post kommt aber nicht nur von R.A.T.s, sondern auch von zig anderen Spinnern. Aber darum kümmert sich die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit bei VanguardArts. Im Moment regen sich die Fanatiker allerdings weniger über die CyberWorld als viel mehr über die Biokörper auf. Da gibt es viele, die Dad vorwerfen, in die Natur einzugreifen, Gott zu spielen und ein absolutes Teufelswerk erschaffen zu haben.«

Jamie schnaubte mit einem nicht sonderlich subtilen Anflug von Zynismus. »Klar. Bis einer von denen dann plötzlich unheilbar krank wird und nur noch ein paar Monate zu leben hat. Ich wette, dann ändern sie ganz flott ihre Meinung und sind dem bösen Teufelswerk gegenüber plötzlich doch ganz aufgeschlossen. Genauso aufgeschlossen, wie R.A.T.s gegenüber der Technik sind, wenn es darum geht, in CyberLondon Chaos zu veranstalten.«

Will trank seinen Kakao aus und warf den Becher zielsicher in den Mülleimer. »Jem und ich wollen heute Abend jedenfalls mal reinsehen, was die Ratten in C-London so Großartiges veranstalten. Außerdem zeigen sie dort im West End den neuen Sherlock & Watson. Habt ihr Lust, mitzukommen? Oder habt ihr schon was anderes vor?«

Zack warf seinen Becher ebenfalls in den Müll. »Nee, haben wir noch nicht. Hört sich aber nach einem coolen Plan an. Was denkst du, wollen wir mitgehen?« Er sah zu Jamie.

Der drückte ihm seinen Kakao in die Hand und nahm seine Krücken. »Auf jeden Fall.« Er stemmte sich von der Parkbank und nickte durch den Bogen von Marble Arch zur U-Bahn-Station auf der anderen Straßenseite. »Lasst uns nach Hause fahren. Es wird langsam echt kalt. Außerdem wartet Max sonst mit dem Abendessen auf uns und wenn wir nicht wollen, dass er die ganze nächste Woche zur Strafe Anti-Lieblingsessen kocht, sollten wir besser nicht zu spät kommen.«