Leseprobe Burning London Seite 3

 

Nach ihren Erlebnissen mit den Ashbournes in Yonderwood war Ned – nicht ganz freiwillig – zu Beginn des Jahres mit der Tatsache an die Öffentlichkeit gegangen, dass er den Kampf gegen den Krebs verloren hatte und deshalb in einem der neuen Biokörper lebte, die von seinem Vater entwickelt worden waren. In den ersten Wochen nach dieser Enthüllung hatte es deswegen mächtig viel Wirbel gegeben, besonders in der Schule. Die Liongate Academy war von Reportern und Paparazzi belagert worden, die nach dem ersten und einzigen Interview, das Ned und sein Vater gegeben hatten, auf ein weiteres Statement oder zumindest ein paar Bilder hofften. Letztere ließen sich nicht verhindern, aber da die immer gleichen Schnappschüsse von Ned auf dem Schulhof ohne Statements, Interviews oder andere spektakuläre Storys bald langweilig wurden, hatte das Interesse der Boulevardpresse in den letzten beiden Wochen zum Glück deutlich nachgelassen und sie widmete sich wieder Prominenten, die mehr zu bieten hatten.

Ganz ähnlich lief es mit ihren Mitschülern. In den ersten Tagen nach den Weihnachtsferien hatte es jede Menge neugierige Blicke, Fragen und etliche – mal mehr, mal weniger geistreiche – Kommentare gegeben, doch nach und nach war das Interesse an Ned wieder abgeflaut und mit dem Verschwinden der Reporter vor den Schultoren war schließlich auch der Alltag zurückgekehrt. Natürlich gab es hin und wieder immer noch Getuschel hinter vorgehaltenen Händen und auch den ein oder anderen blöden Spruch musste Ned über sich ergehen lassen, doch insgesamt war sein Coming-out deutlich glimpflicher abgelaufen, als alle zu hoffen gewagt hatten, und die gefürchteten Anfeindungen von Gegnern der Biokörper oder Mobbing durch Mitschüler waren bisher ausgeblieben.

»Nein, keiner hat ihn blöd angemacht.« Jemma sah zu Will. »Oder hab ich irgendwas nicht mitbekommen?«

Will schüttelte den Kopf. »Es gab den ein oder anderen Blick, weil ein paar Leute uns erkannt haben, aber angequatscht hat uns keiner. Und ich glaube, es hat auch niemand Fotos gemacht.«

»Cool.« Zufrieden nippte Jamie an seinem Kakao und wärmte seine kalten Hände.

Jemma lehnte sich auf der Bank zurück und eine Weile sahen die vier dem Treiben auf dem Platz um Marble Arch zu.

»Mir gefällt er in Weiß definitiv besser als in Pink«, meinte Jemma schließlich und spielte am Deckel ihres Kakaobechers herum. »Habt ihr schon von R.A.T.s’ neuer Ankündigung gehört?«, fragte sie dann Richtung Zack und Jamie.

»Nope. Was haben sie denn diesmal vor? Wollen sie die Themse neongrün färben? Oder aus der Tower Bridge einen Regenbogen machen?« Zack grinste. »So ein Statement fänd ich sogar mal cool. Und es würde endlich mal Sinn machen.«

Jamie schnaubte. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass ausgerechnet die Ratten von R.A.T.s sich für LGBT starkmachen würden.«

Rage Against Technology, kurz R.A.T.s, war eine Gruppe militanter Technikgegner, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, der Menschheit mit gewagten Aktionen vor Augen zu führen, wie abhängig sie sich in ihrem Leben von der Technik gemacht hatten. In den letzten vier Jahren waren etliche mutwillig herbeigeführte Ausfälle von Strom-, Telefon- und Mobilfunknetzen auf ihr Konto gegangen. Ebenso ein großer Hackerangriff auf den Flughafen von London Heathrow, der nicht nur den Flugverkehr für drei Stunden komplett lahmgelegt, sondern auch den damaligen Kopf der Gruppe ins Gefängnis gebracht hatte. Danach war es still um R.A.T.s geworden, bis Anfang des Jahres UrbanityNeXt mit ihrer ersten CyberCity ans Netz gegangen war. Die Vorstellung, künftig alle großen Weltmetropolen eins zu eins in der CyberWorld betreten und so nicht nur berühmte Sehenswürdigkeiten, sondern auch Museen, Galerien, Konzerte und Events ohne großen Reiseaufwand besuchen zu können, hatte für sehr kontroverse Reaktionen gesorgt. Viele CyberWeltler fanden die Möglichkeit fantastisch, durch die Weltstädte zu schlendern und international an Veranstaltungen teilnehmen zu können, ohne kostbare Urlaubstage nehmen und teure Flüge und Hotels bezahlen zu müssen. Die Tourismusindustrie dagegen rebellierte und sah tausende Arbeitsplätze in Gefahr sowie wirtschaftliche Einbußen in Millionenhöhe auf sich zukommen.

Auch für R.A.T.s schien die Eröffnung von CyberLondon, der ersten CyberCity, Grund genug, wieder in Erscheinung zu treten. Gleich in der Eröffnungswoche hatten sie dafür gesorgt, dass man sich wieder an sie erinnerte, indem sie die Löwenstatuen des virtuellen Trafalgar Squares umgefärbt hatten: Statt des üblichen Bronzeschwarz trugen sie jetzt ihr naturfarbenes Fellkleid. Falls R.A.T.s damit allerdings Unzufriedenheit oder Empörung bei den Besuchern von CyberLondon hatte hervorrufen wollen, war der Schuss nach hinten losgegangen, denn die meisten sahen die Sache als großen Gag oder gar als originelle Werbeidee und selbst die Betreiber reagierten gelassen und nahmen es mit Humor.