Leseprobe Burning London Seite 2

 

Auf den Tag genau vor sieben Wochen war Zack mit zwei schweren Stichwunden ins Krankenhaus gebracht worden, nachdem Russell Grant mit einem Messer auf ihn losgegangen war. Fast fünf Stunden hatten die Ärzte um Zacks Leben kämpfen müssen und es hatte sechs Wochen gedauert, bis er sich endgültig von den schweren Verletzungen erholt hatte. Erst Anfang der Woche hatten die Ärzte ihm das heiß ersehnte »Alles okay« gegeben und er durfte – unter der Voraussetzung, dass er es langsam angehen ließ – wieder Basketball spielen, am Schulsport teilnehmen und Dinge heben, die schwerer als fünf Kilo waren.

Zack zog Jamie an sich und gab ihm einen Kuss auf die hellblaue Beanie. Jamie tat sich schwer, mit den Geschehnissen abzuschließen. Die Albträume, in denen er wieder und wieder mit ansehen musste, wie Notarzt und Sanitäter um Zacks Leben kämpften, quälten ihn zwar mittlerweile seltener, aber immer noch oft genug. Und auch für einen scherzhafteren Umgang mit der ganzen Sache war er noch nicht bereit.

Zack seufzte innerlich und streichelte über Jamies Arm. Er hatte keine Ahnung, ob er selbst besser damit umgegangen wäre, wenn die Ereignisse an Silvester anders gewesen wären und er jetzt schreckliche Bilder von Jamie im Kopf hätte haben müssen. Die Erinnerungen an Jamie, wie er nach dem Autounfall fast zwei Wochen lang bleich und leblos im Koma gelegen hatte, waren schließlich auch etwas, das er lieber tief in die Vergangenheit verbannte. Vermutlich brauchte Jamie also auch einfach nur Zeit, bis die Bilder in seinem Kopf endlich verblassten.

»Hey, da seid ihr ja schon!«

Die Stimme ließ Zack und Jamie aufsehen.

In der zunehmenden Dämmerung wurden Hyde Park und Marble Arch hübsch beleuchtet und viele Touristen posierten für Fotos und Videos vor dem eindrucksvollen Torbogen. Dick eingemummelt in Wintermantel, Mütze, Schal und Handschuhe, schlängelte Jemma sich durch die Touristen auf Zack und Jamie zu. In einer Hand hielt sie ein Papptablett mit vier Bechern, mit der anderen zog sie Will hinter sich her, der drei pralle Einkaufstüten schleppte.

»Wartet ihr schon lange?« Sie setzte sich neben ihren Zwilling und reichte ihm eins der Getränke.

»Nein, erst ein paar Minuten.« Jamie roch am Becher, der sich herrlich warm in seinen kalten Fingern anfühlte. »Heißer Kakao?«

»Yep.« Jemma reichte Zack ebenfalls einen. »Wir dachten, ihr seid bei dieser Schweinekälte bestimmt total durchgefroren, wenn ihr den ganzen Tag im Park unterwegs wart.«

Zack seufzte begeistert. »Danke. Du bist ein Engel.«

Mit einem herzzerreißenden Ächzen ließ Will sich neben ihm auf die Bank fallen. »Das sagst du nur, weil du nicht seit heute Vormittag mit ihr und Charlie durch gefühlt hundert Läden im Großraum London ziehen musstest, um irgendwelche Schnäppchen abzugrasen und für Charlie ein Outfit für heute Abend zu finden.« Stöhnend streckte er seine Beine aus. »Ich hab echt keine Ahnung, wo Mädchen diese Energie hernehmen. Oder wie Charlie heute noch einen Abend im Club durchstehen will, ohne dass ihr die Füße abfallen.«

Jemma gab ihm seinen Kakao. »Charlie ist auf purem Adrenalin, weil sie sich schon seit Wochen wie verrückt auf den Gig von Rebecca Mills freut. Also keine Sorge, sie schafft das schon. Und da Ned keinen Schmerz empfinden kann, müssen wir uns um seine Füße auch keine Sorgen machen.«

Will schnaubte. »Nee, aber ich wette, er braucht heute die doppelte Dosis seiner Nährstoffe, um diesen Tag zu kompensieren.« Er grinste mitleidlos. »Aber das hat mein Brüderchen sich ja selbst eingebrockt.« Er sah zu Zack und Jamie. »Es wäre allerdings echt nett gewesen, wenn ihr beiden uns vorgewarnt hättet, auf was wir uns einlassen, wenn wir mit Jem und Charlie Klamotten shoppen gehen.«

Zack lachte. »Die Tatsache, dass weder Jamie noch ich bisher jemals so irre waren, mitzugehen, wenn die beiden zusammen losziehen, war euch nicht Warnung genug?«

Jemma beugte sich vor, boxte erst Zack gegen den Oberschenkel und fuchtelte dann mit ihrem Zeigefinger in Wills Richtung. »Jetzt tu bloß nicht so, als hättest du keinen Spaß gehabt! In den letzten Laden hätten wir schließlich gar nicht mehr reingehen müssen. Ich brauchte überhaupt keine neue Unterwäsche.«

Will grinste eindeutig zweideutig. »Aber ich brauchte eine Belohnung! Die hab ich mir nach dem Shoppingmarathon heute nämlich mehr als verdient.«

Jamie verzog das Gesicht, als wäre sein Kakao mit saurer Milch gemacht worden. »Okaaay – Themenwechsel! Wie lief es mit Ned? Hat ihn jemand blöd angequatscht?«