Leseprobe Burning London

 

CyberWorld 5.0: Burning LondonKapitel 1

»Gott sei Dank, er ist nicht pink.« Jamie deutete zum Marble Arch, dem imposanten Torbogen, der am Nordostende des Hyde Parks zur Oxford Street führte. Der helle Marmor sah aus wie immer und schien majestätisch die letzten Strahlen der fahlen Februarsonne einfangen zu wollen.

Zack lachte. »Hatte ich auch nicht erwartet.«

Er fasste Jamies Hand fester, als der mit dem Fuß gegen eine Unebenheit auf dem ausgetretenen Asphalt stieß. Sein linkes Bein wurde langsam müde und es war nicht das erste Mal, dass Jamie ins Stolpern geriet.

»Wie wäre es mal wieder mit einer kleinen Pause?« Zack sah sich kurz um und wies auf eine Parkbank, die gerade von einer japanischen Touristenfamilie verlassen wurde. »Jem und Will scheinen eh noch nicht hier zu sein.«

»Pause klingt super.« Dankbar ließ Jamie sich auf die Bank sinken. Zack setzte sich zu ihm und lehnte Jamies Krücken gegen die Sitzfläche.

»Hey, du hast es geschafft. Einmal um die Serpentine und Long Water und dann quer durch den Park bis hierher. Respekt!« Stolz lag in Zacks Stimme und er spielte liebevoll mit einer hellen Haarsträhne, die unter Jamies Beanie hervorguckte.

Jamie lächelte erschöpft, aber glücklich. »Ja, ziemlich cool.« Er zog sein Smartphone aus der Jackentasche und sah auf die Uhr. »Auch wenn ich dafür fast sechs Stunden und acht Pausen gebraucht hab. Und nur einen winzigen Teil der Strecke ohne die blöden Krücken gelaufen bin.«

Zack bedachte ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Hatten wir nicht ausgemacht, dass unser netter Samstagsausflug kein Hochleistungssport werden sollte?« Er zog Jamie die Mütze über die Augen. »Außerdem haben wir über eine Stunde im Café gesessen, um uns bei dieser Schweinekälte wieder aufzuwärmen.« Zack schlug den Kragen seines Anoraks hoch. Jetzt, da die Sonne unterging, wurde es noch kühler und für die Nacht war sogar heftiger Schneefall vorhergesagt. »Die musst du also noch abziehen, wenn du unseren Ausflug unbedingt mit einem Zeitplan versehen willst.«

Jamie rückte seine Mütze wieder zurecht und grinste. »Schon gut, bin ja schon still.«

»Das würde ich dir auch schwer raten. Ich fand den Tag heute nämlich verdammt schön und hätte nichts dagegen, so was jetzt öfter zu machen – allerdings nur, wenn du keine Jagd nach Bestzeiten pro gelaufener Meile daraus machst.«

Jamie stahl sich einen Kuss. »Ich fand den Tag auch verdammt schön und ich will auf jeden Fall noch eine ganze Menge mehr davon. Und nein, ich werde unsere Ausflüge nicht als blöde Trainingseinheiten sehen.« Er schob die Ärmel von Anorak und Pullover zurück und zeigte seine Handgelenke. »Hier: Kein Armband, das Schritte und Meilen gezählt hat – wie ich es versprochen hab.«

Zack lächelte und schob seinen eigenen Ärmel hoch.

Ruckartig setzte Jamie sich auf. »Was …?« Völlig perplex starrte er auf den Fitness-Tracker, den Zack am rechten Handgelenk trug. »Aber – du wolltest doch nicht, dass ich …«

Zack schüttelte grinsend den Kopf, als er sah, wie verdattert Jamie aus der Wäsche guckte. »Süßer, ich hab überhaupt nichts dagegen, wenn du deine Schritte und unsere gelaufenen Meilen zählen willst. Ich wollte nur nicht, dass du alle paar Minuten auf ein blödes Display guckst, um nachzusehen, wie viele Schritte du schon geschafft hast. Ich wollte, dass du den Ausflug einfach nur genießt, ohne dir irgendeinen Druck zu machen. Wenn wir zwei zusammen losziehen, will ich, dass es in erster Linie um uns beide geht und dass der Tag uns gehört und nicht irgendwelchen neuen Streckenrekorden. Aber ich weiß auch, wie wichtig es dir ist, zu sehen, was du geschafft hast. Deshalb hab ich dein Armband umgetan.«

In Jamies Hals steckte plötzlich ein dicker Kloß. »Das … ist total lieb … Du bist echt unglaublich.«

Und dann dauerte es eine ganze Weile, bis er Zack wieder Luft holen ließ. Als ihre Lippen sich voneinander lösten, fasste er nach Zacks Handgelenk, um auf das Display der Fitnessuhr zu sehen, doch Zack zog seine Hand zurück und schob seinen Jackenärmel wieder über das Armband.

»Noch nicht. Du bekommst es erst, wenn wir zu Hause sind.«

»Ernsthaft? Du willst mich jetzt echt zappeln lassen? Ich nehm alles zurück! Du bist weder lieb noch unglaublich, sondern bloß voll fies!« Mit gespielter Empörung stupste Jamie seinem Freund in die Seite.

»Hey, Vorsicht! Ich bin endlich wieder okay, da willst du mich doch nicht gleich wieder zurück ins Krankenhaus boxen, oder?«

Auch wenn er wusste, dass Zack nur Spaß gemacht hatte, hörte Jamie sofort auf, ihn zu piesacken. »Sag so was nicht. Das ist nicht witzig.« Er schmiegte sich an ihn, legte vorsichtig seine Hand auf Zacks Bauch und versuchte tapfer, keine schlimmen Erinnerungen zuzulassen.