Leseprobe The Secrets of Yonderwood Seite 8

 

»Will geht aufs College«, sagte Jemma. »Der Rest von uns drückt noch die Schulbank.«

»So wie ich«, seufzte Keira. »Macht ihr dieses Schuljahr den Abschluss oder nächstes?«

»Nächstes. Und du?«

»Ich hoffe, ich krieg es dieses Jahr hin.« Sie zog die Nase kraus. »Ich finde, so langsam hab ich mehr als genug Bildung intus.«

»Und wo kommt ihr her? Im echten Leben, meine ich.«

»London«, antwortete Paige.

»Echt? Wir auch!«, meinte Jemma. »Woher genau?«

»Camden. Und ihr?«

»Aus dem Südwesten. Putney, Roehampton und Richmond.«

»Und wie seid ihr an die Einladung zur Generalprobe gekommen?«, fragte Charlie.

Shay nickte zu Keira. »Unsere Mum arbeitet in der Leitung der Marketingabteilung von BeastyEnterprise. Viele Mitarbeiter und ihre Angehörigen haben das Angebot zum Betatesten bekommen.«

»Eigentlich hätten wir schon in einem Testdurchlauf im November dabei sein sollen, aber da konnte ich wegen der blöden Schule nicht«, sagte Keira. »Aber diese toten Tage zwischen Weihnachten und Neujahr passten jetzt perfekt. Also sind wir heute dabei und unser kleiner Bruder hasst uns dafür.« Sie verzog das Gesicht. »Er ist erst fünfzehn und durfte noch nicht mit.«

Shay seufzte und es war ihr anzusehen, dass sie ihren Bruder wohl gern dabeigehabt hätte. »Wenn das Spiel was taugt, bekommt er Yonderwood von Key, Paige und mir zum Geburtstag. Hundertpro versöhnt hat ihn das allerdings nicht und er war trotzdem stocksauer, als wir heute Morgen losgefahren sind.« Sie seufzte erneut.

Tröstend drückte Paige ihre Hand. »Was ist mit euch?«, fragte sie dann an die anderen gewandt und offensichtlich um einen Themenwechsel bemüht, der ihre Freundin wieder auf andere Gedanken bringen sollte. »Wie seid ihr an die Einladung zum Betatesten gekommen?«

»Ehrlich gesagt haben wir uns darüber ziemlich gewundert«, antwortete Will. »Wir gehören nämlich nicht zu BeastyEnterprise, sondern zur Konkurrenz.«

Paige runzelte die Stirn. »VanguardArts?«

»Yep.« Will nickte zu Ned. »Unser Vater ist Edward Dunnington.«

»Wow.« Shay grinste. »Dann hat man euch bestimmt eingeladen, um eurem Dad unter die Nase zu reiben, was BeastyEnterprise im Entertainmentsektor mit dem ersten LiveAction CyberPark auf die Beine gestellt hat, was?«

Unbeeindruckt hob Will die Schultern. »Ja, vielleicht. Allerdings ist das nichts, womit man Dad ärgern könnte. Im Gegenteil. Er freut sich, wenn andere mit seiner Cyberwelt kreativ sind und coole Sachen damit machen.«

»Hey, wir sind da.« Jamie zeigte aus dem Fenster.

Sie waren der weißen Außenhülle der Kuppel nun so nahe gekommen, dass sie schier endlos hinauf in den grauen Himmel zu ragen schien. Direkt vor ihnen führte die Straße durch eine torgroße Öffnung hinein in die Spielwelt. Ihr brummeliger Fahrer lenkte den VW-Bus hindurch und alle sahen sich neugierig um.

»Nicht schlecht«, meinte Ned anerkennend.

»Wow …« Charlie rückte näher an ihn heran, um besser aus dem Fenster sehen zu können.

Direkt hinter dem Eingang der Kuppel sah die Szenerie gar nicht so anders aus als davor: Knorrige Bäume und dichtes Gestrüpp kaschierten den Übergang zwischen Außenwelt und Kuppel. Wie angekündigt gaukelten riesige Videowände eine täuschend echte Umgebung vor und als Charlie sich umwandte und zurückblickte, sah es so aus, als hätte sich der Winterwald draußen plötzlich in einen Spätherbstwald verwandelt. Eine uralte Steinbrücke führte über einen breiten Bachlauf, dahinter teilte sich die Straße: Geradeaus verlief sie weiter zum Dorf, rechts und links war sie nur noch als schmaler Feldweg zu erkennen, der an Bach und Waldrand entlangführte. Fletcher lenkte den Bus nach links und sie rumpelten auf den Feldweg. Sofort blickten alle nach rechts, um einen Blick aufs Dorf zu erhaschen. Keine zwanzig Meter entfernt duckten sich die ersten Hütten aneinander und machten einen ähnlich heruntergekommenen Eindruck wie die Yonderwood Railway Station. Die meisten Häuser sahen aus wie traditionelle Cottages, die man in ländlichen Gegenden Großbritanniens noch oft fand, doch hier wirkten sie nicht niedlich und idyllisch, sondern düster und verlassen. Erst weiter Richtung Dorfkern schien es einige größere Gebäude zu geben und sie erkannten sogar einen Kirchturm, der in den grauen Wolkenhimmel der Kuppel ragte.

»Echt nicht schlecht«, murmelte Ned noch einmal.

Sie rumpelten noch ein Stück weiter den Feldweg entlang, bis plötzlich zwischen den Büschen rechts von ihnen eine Hütte auftauchte und Fletcher den Wagen mit einer unsanften Vollbremsung zum Stehen brachte.