Leseprobe The Secrets of Yonderwood Seite 2

 

Jamie wandte sich um und schätzte kurz die Strecke ab. »Ohne. Bis zum Haus krieg ich es hin.«

»Okay.« Zack schnallte die Krücken auf der Tasche fest und schlang sich den Trageriemen über die Schulter.

»Können wir los?«, fragte Will übers Autodach hinweg. »Habt ihr alles?«

Zack klaute sich von Jamie noch einen Kuss und nahm seine Hand. »Jetzt ja.«

Glücklich schmiegte Jamie sich kurz an ihn und gemeinsam gingen sie auf das alte Bahnhofsgebäude zu.

Jemma lächelte, als sie die beiden zusammen sah. Es tat unheimlich gut, Jamie so unbeschwert und fröhlich zu sehen. Sie hatte keine Ahnung, ob der herannahende Jahreswechsel sie so sentimental machte, aber wenn sie daran zurückdachte, dass ihr Bruder vor einem Jahr noch im Rollstuhl gesessen hatte und jetzt kürzere Strecken ohne Krücken gehen konnte, machte sie das unglaublich froh und dankbar und sie war unfassbar stolz auf ihn. Sie wusste, wie anstrengend es für ihn war, sich seine Beweglichkeit zurück zu erkämpfen, und wie oft er dabei mit Muskelschmerzen und Ungeduld, Zweifeln und Frust ringen musste. Trotzdem hatte er sich nie unterkriegen lassen und ihr war klar, wie viel es ihm bedeutete, jetzt Hand in Hand mit Zack laufen zu können, selbst wenn er längere Strecken noch nicht durchhielt. Noch wurden Rücken und Beine schnell müde und er brauchte eine Schiene, um seinem linken Bein Halt zu geben. Aber es war ein fantastischer Anfang. Genauso fantastisch wie die ersten Schritte, die er vor zwei Jahren an Krücken geschafft hatte. Wer wusste also, was er noch alles hinkriegen würde?

Sie merkte, dass Will sie beobachtete. »Was?«

Lächelnd strich er ihr eine lose Haarsträhne hinters Ohr und gab ihr einen Kuss. »Du siehst wunderschön aus, wenn du glücklich bist«, flüsterte er an ihren Lippen und genoss das herrliche Kribbeln, als sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihre Zunge kurz mit seiner spielte.

»Und ich hab dich wahnsinnig lieb, wenn du solche Sachen sagst«, flüsterte sie zurück und lehnte ihre Stirn an seine.

»Nur dann?«, fragte er grinsend.

Sie versuchte, ihm in die Seite zu zwicken, doch seine dicke Winterjacke war ein äußerst effektiver Schutzschild. »Findest du mich nur hübsch, wenn ich glücklich bin?«

Er lachte und gab ihr noch einen Kuss. »Nein. Aber dann ganz besonders.«

»Hey!« Ned hatte sich zu ihnen umgedreht. »Ich weiß ja, dass wir in den nächsten drei Tagen vermutlich nicht viel Zeit für innige Romantik haben werden, aber wir sollten jetzt trotzdem zusehen, dass wir zur Anmeldung kommen.«

Will schickte seinem Bruder einen ungnädigen Blick. »Wer ist denn heute Morgen nicht aus dem Quark gekommen?«

Charlie zog sich Neds Arm um die Schultern und warf Will einen frechen Blick zu. »Willst du wissen, warum?«

Will verzog das Gesicht, schnappte sich Jemmas Hand und sie schlossen zu den anderen auf. »Nein, bloß nicht!«

»Schade.« Charlie grinste. »Wäre definitiv erzählenswert.«

»Kopfkino …«, stöhnten Zack und Jamie gleichzeitig, doch bevor Charlie etwas erwidern konnte, hörten sie einen Wagen über den Schotterweg preschen. Mit viel zu hoher Geschwindigkeit peitschte der Fahrer einen protzigen Jeep durch die Kurve auf den Parkplatz und wirbelte trotz Frost Staub und Kies auf. Mit heulendem Motor drehte er eine Runde, bevor er sein Fahrzeug mit einer Vollbremsung in eine Parklücke schlingern ließ.

Mit hochgezogener Augenbraue wandte Charlie sich ab. »Wow. Vorsicht vor der geballten Testosteronladung auf Stellplatz 87: Da hat’s einer nötig.«

Die sechs stiegen die Stufen zum Bahnhof hinauf und traten durch einen Rundbogen ins Innere des Gebäudes. Obwohl der Bahnhof nur eine Kulisse war und keine echten Züge von hier abfuhren, hatte man sich Mühe gegeben, mit viel Liebe zum Detail alles möglichst authentisch aussehen zu lassen. Es gab eine elektronische Anzeigetafel mit Ankunfts- und Abfahrzeiten, Werbeplakate und Infoposter, Wartebänke mit Mülleimern und eine alte Bahnhofsuhr mit zwei dazu passenden Laternen. An der hinteren Wand, direkt gegenüber dem Eingang, hing ein Schild, das nach links in einen Gang Zu den Zügen wies.

Das leicht verwahrloste Flair, das das Gebäude von außen ausstrahlte, hatte man auch in seinem Inneren perfekt getroffen. Die Bodenfliesen waren ausgetreten und rissig, die Poster und Plakate vergilbt und halb abgerissen. Die abgenutzten Wartebänke wirkten wenig einladend, die Bahnhofsuhr hatte einen dicken Sprung im Glas des Zifferblatts und die Glühbirnen in den beiden Laternen sirrten und flackerten, als stünden sie kurz vor dem Burn-out. Den einzigen Stilbruch in diesem heruntergekommenen Ambiente stellten die Fahrkartenschalter dar. Wäre die Yonderwood Railway Station echt gewesen, hätte man diese mit Sicherheit längst geschlossen und mit Gittern oder Brettern verbarrikadiert. Tatsächlich waren aber alle vier Schalter geöffnet und Angestellte in Bahnuniformen blickten den Ankömmlingen freundlich entgegen.