Leseprobe Evil Intentions Seite 4

 

Jemma war verschwunden.

Stattdessen sah Charlie ein völlig anderes Spiegelbild hinter sich. Ein kleines Mädchen in einem zerschlissenen weißen Kleid. Strähniges dunkles Haar fiel über ihre knochigen Schultern und das bleiche Gesicht. Trotzdem konnte Charlie zwei pechschwarze Augen erkennen, die sie boshaft anfunkelten. Schwarze Lippen kräuselten sich zu einem teuflischen Grinsen und entblößten spitze, faulige Reißzähne.

Zu Tode erschrocken riss Charlie ihren Säbel aus dem Gürtel und wirbelte herum.

Doch hinter ihr war niemand!

Zumindest kein albtraumhaftes Geistermädchen. Nur Jemma, die auf dem Barhocker saß, die Beine baumeln ließ und Charlie mit hochgezogener Augenbraue ansah.

»Alles klar?«

Charlie stieß die Luft aus und hoffte, dass ihr rasender Herzschlag sich wieder beruhigte. »Mann! Hier war gerade eine echt zombiemäßige Geistergöre. Ich hab sie im Spiegel gesehen.« Vorwurfsvoll fuchtelte sie mit ihrem Säbel vor Jemmas Nase herum. »Du wusstest, dass die hier auftauchen wird!«

Jemma grinste genauso höllisch wie zuvor das Zombiebalg.

»Du bist absolut unmöglich!«, wetterte Charlie. »Wir führen hier gerade ein tiefgründiges Beste-Freundinnen-Gespräch, bei dem ich dir den bevorstehenden Wandel in meinem Liebesleben offenbare, und du warnst mich nicht mal vor?!«

»Doch, tue ich.« Jemma deutete über ihre Schulter. »Die zombiemäßige Geistergöre kriecht gerade hinter dir aus dem Spiegel.«

»WAS?!«

Entsetzt fuhr Charlie herum.

Shit!

Tatsächlich kroch das Monsterbalg mit zuckenden Bewegungen aus dem Spiegelglas. Die Augen funkelten finster und das Biest streckte fauchend seine Krallenhand aus. Erschrocken stolperte Charlie ein paar Schritte zurück und hackte ihm die Klaue ab. Schwarzes Blut spritzte und das Zombiemädchen zischte wütend, schien sich aber ansonsten nicht weiter am Verlust seiner Gliedmaßen zu stören. Ohne Charlie aus den Augen zu lassen, richtete es sich auf, tappte weiter auf sie zu und grapschte mit seiner anderen Klaue nach ihr.

Okay, jetzt reicht’s!

Entschlossen ging Charlie zum Angriff über. So schnell sie konnte ließ sie ihren Säbel kreuz und quer durch die Luft sausen und richtete im Nullkommanichts ein Blutbad an.

»Nicht schlecht. Im Säbelschwingen bist du echt gut geworden.« Beeindruckt betrachtete Jemma die Sauerei von ihrem Barhocker aus. »Erstklassig filetiert, würde ich sagen. Ich bin echt stolz auf dich! Du wirst noch eine richtig gute Rollenspielerin.«

Sie schwang sich vom Hocker und legte Charlie einen Arm um die Schultern, obwohl die sie mit einem Blick durchbohrte, der in der echten Welt die Milch von ganz London hätte sauer werden lassen.

»Vielen Dank für deine Hilfe, du Biest!«

Jemma zwickte ihr in die Seite. »Das verklemmte Mauerblümchen wusste, dass du mit Evil Edith auch alleine klarkommst.«

»Toll! Hat mich ja nur gefühlte zehn Jahre meines Lebens gekostet!« Angewidert sah Charlie zu, wie das zerstückelte Zombiemädchen noch einmal kurz aufflackerte und dann verschwand, während das dunkle Blut langsam in den alten Holzdielen des Fußbodens versickerte. »Ist das fiese Gör auf deinem Mist gewachsen oder muss ich Jamie dafür in den Hintern treten?«

Jemma grinste. »Nein, die Kleine ist ausnahmsweise von mir.«

»Okay, dreh dich um und mach dich auf den Tritt des Jahrhunderts gefasst!«

Ungerührt blieb Jemma stehen. »Das wäre aber reichlich unfair. Schließlich ist es allein deine Schuld, dass Edi hier aufgetaucht ist. Du hast sie heraufbeschworen, nicht ich.«

 »Was?« Verständnislos blickte Charlie von Jemma zum alten Wandspiegel. »Wieso? Ich hab doch gar nichts gemacht.«

»Oh doch, das hast du«, meinte Jemma schadenfroh. »Die kleine Edith hasst eitle Menschen. Wenn also ein Spieler zu viel Zeit damit verbringt, sich im Spiegel zu betrachten, oder sich gar erdreistet, über dieses wunderhübsche Piratenoutfit zu meckern, taucht sie auf, um ihm eine kleine Lektion zu erteilen!«