Leseprobe Evil Intentions Seite 2

 

»Wäre schon cool, hier mitzumachen.« Charlie ließ ihren Blick umherwandern, sah dann aber zweifelnd zu Jemma. »Ich kann aber weder Vorlagen zeichnen noch programmieren.«

»Das kann Zack auch nicht. Aber er schreibt echt witzige Dialoge und du bist schließlich auch nicht auf den Mund gefallen. Ich wette, ihr zwei wärt ein absolutes Dreamteam.«

Charlie musste lachen. »Ja, vermutlich. Stammt diese Spelunke hier denn aus deiner Feder?«

Jemma schüttelte den Kopf. »Nein, die basiert auf Fotos vom Jamaica Inn, einem alten Gasthaus in Cornwall, in dem früher wirklich mal Piraten ihre Schmuggelware vertickt haben.«

»Echt? Wie cool ist das denn?!«

»Die Recherchearbeit macht übrigens auch Zack und ich bin mir sicher, dass er sich dabei auch über Hilfe freuen würde. Er hat eine ganze Menge Gruselgeschichten und düstere Legenden gefunden, die sich um das Gasthaus und die kornische Küste ranken. Zack schreibt sie um und macht Hintergrundgeschichten und Questaufgaben daraus.«

»Wow.« Charlie war ehrlich beeindruckt. »Dann gibt’s noch mehr reale Orte?«

»Die komplette Küstenlinie entspricht der Westküste Englands, also alle Buchten, Klippen und so weiter. Ich hab allerdings die Häuser bearbeitet, damit sie alt aussehen und ins achtzehnte Jahrhundert passen. Außerdem ist die Schatzkammer in der Schmugglerhöhle von mir und die Innenräume des Geisterschiffs. Das Äußere hat Jamie gezeichnet, genauso wie alle Geister, Monster und andere NPCs. Figuren sind eher sein Ding. Ich mach lieber die Szenerie.«

»Und Ned programmiert dann alles?«

»Genau. Will hilft ihm, wenn er Zeit hat, und Jamie kriegt die Basics mittlerweile auch schon ganz gut hin.«

Charlie stemmte ihre Hände in die Hüften und betrachtete sich in einem riesigen Spiegel mit schwerem Schnörkelrahmen, der gegenüber dem Tresen an der Holzwand hing. »Und wem hab ich diese schrecklichen Pumphosen zu verdanken, die einen aussehen lassen, als hätte man einen Elefantenhintern?«

Jemma rollte mit den Augen. »Das hier ist ein Piratenabenteuer, keine Modenschau!«

»Trotzdem.« Charlie rümpfte die Nase. »Man weiß schließlich nie, wann man mal jemanden optisch umhauen möchte. Und, Süße, in diesen Hosen? Never ever!«

»Wen sollte ich denn optisch umhauen?«, seufzte Jemma. »Will ist ja kaum mal hier. Seit er auf dem College ist, sehen wir uns fast nur noch am Wochenende.«

Sie betrachtete sich ebenfalls im Spiegel. Eigentlich fand sie diese Hosen gar nicht so schlecht. Sie kaschierten ihre zu schmalen Hüften und gaukelten so zumindest dort ein paar Kurven vor, die sie nicht hatte. Im Gegensatz zu dem Korsett, das das Spiel ihr über einem weißen Hemd mit bauschigen Ärmeln verpasst hatte. Diese Kombi zeigte leider nur allzu deutlich, dass ihre Oberweite nicht sonderlich viel zu bieten hatte.

»Von dir redet ja auch keiner.« Charlie zupfte ihr Hemd zurecht, um das recht eindrucksvolle Dekolleté ihres Avatars noch ein bisschen besser zur Geltung zu bringen.

Überrascht sah Jemma sie an. »Wen willst du denn hier umhauen? Etwa Ned?«

»Na, bei Zack und Jamie wäre es ja wohl vergebliche Liebesmühe, oder nicht?«

»Dann haben du und Colin wirklich endgültig Schluss gemacht?«

»Yep. Dieses ständige On-and-off ist einfach nicht gut für die Band. Also haben wir jetzt einen Schlussstrich gezogen und bleiben einfach nur gute Freunde. Und das klappt echt prima. Es war ja eh nie so was super Ernstes.«

»Und jetzt hast du ein Auge auf Ned geworfen?« Jemma musterte ihre beste Freundin verwundert. Ned entsprach so gar nicht ihrem üblichen Beuteschema.

»Warum denn nicht?« Charlie betrachtete sich erneut kritisch im Spiegel. »Er sieht süß aus, ist clever und kann ziemlich witzig sein, wenn er auftaut.« Sie warf Jemma einen frechen Blick im Spiegel zu. »Hättest du denn was dagegen, wenn ich was mit dem Bruder deines Freunds anfange? Denk nur mal, was das für Potenzial hätte! Wenn er mein Mister Right ist, könnten wir eine richtig coole Doppelhochzeit feiern!«

»Ja, klar«, schnaubte Jemma und zog sich auf einen der Barhocker. »Wann denn? Nächstes Wochenende?«

Charlie lachte. »Ich bin zwar gut, aber ob ich Neds Herz so schnell gewinnen kann, weiß ich nicht. Ich glaub, bei ihm werd ich ein bisschen länger brauchen, um ihn zu knacken.« Sie grinste bedeutungsvoll. »Aber wer weiß, was Will mit dir an deinem Geburtstag vorhat?«

»Du spinnst!«

Charlie zuckte bloß mit den Schultern. »Wenn er nicht total blöde ist, weiß er, was er an dir hat. Und dann wird er sicher nicht riskieren, dass ihm jemand zuvorkommt und dich wegschnappt.«

»Klar! Weil die Verehrer ja auch Schlange bei mir stehen …«

»Oh, es gab am Freitag im McAllister’s schon den ein oder anderen Kandidaten, der interessiert in deine Richtung geguckt hat. Und im Gegensatz zu dir hat Will die auch bemerkt.«

Jemma verzog das Gesicht. »Deshalb macht er mir noch lange keinen Heiratsantrag. Er ist weder eifersüchtig noch besitzergreifend. Gott sei Dank!«