Leseprobe House of Nightmares Seite 9

 

Will lachte erleichtert, als er sah, dass sie wieder fröhlicher war.

»Ich hoffe immer noch, dass dein Dad nur übertrieben hat und die McLeans nicht so vornehm sind, wie er meint.«

»Mach dir deshalb keine Gedanken. Wir müssen uns nur zum Dinner mit ihnen abgeben. Und mit etwas Glück noch nicht mal jeden Abend, wenn wir sagen, dass wir ein paar längere Tagestouren in die Highlands vorhaben. Die Leute sind alter schottischer Adel. Wenn wir denen genug Honig um den Mund schmieren und sagen, wie gerne wir ihre Heimat erkunden wollen, dann haben sie dafür bestimmt Verständnis und wir sind den einen oder anderen Abend aus der Dinner-Nummer raus.«

»Hört sich gut an«, gab Jemma zu. »Aber es wäre Ned gegenüber unfair, oder? Wenn er McLean Rede und Antwort zu seinem neuen Körper stehen muss, wird er auf die meisten Ausflüge bestimmt nicht mitkommen können. Da wäre es ziemlich mies, ihn abends auch noch allein zu lassen.«

Will gab ihr einen Kuss. »Ja, das wäre es. Aber ich hoffe, dass McLean ihn nicht jeden Tag bei sich antanzen lässt. Ned soll ja eigentlich nur der lebende Beweis dafür sein, dass man ein menschliches Bewusstsein in einen künstlichen Körper übertragen kann. Sobald McLean davon überzeugt ist und seinen eigenen Bioroboter ausprobieren will, kann er das mit Dad alleine tun. Dafür braucht er Ned nicht. Wie man mit der Steuerung umgeht, muss er schließlich selbst lernen.«

Anfang des Jahres hatte Angus McLean ein schwerer Schicksalsschlag in Form eines Schlaganfalls ereilt. Seitdem fesselte ihn eine halbseitige Lähmung an den Rollstuhl und da er sich starrsinnig weigerte, in seiner Firma kürzerzutreten, sahen die Ärzte ein hohes Risiko für einen zweiten Schlaganfall. So war Edward Dunnington mit einem Angebot an McLean herangetreten, das dieser nicht hatte ausschlagen können: Dunnington würde McLeans Bewusstsein in einen neuartigen Bioroboter transferieren, der dem alten Mann nicht nur täuschend ähnlich sah, sondern auch kerngesund und resistent gegen einen weiteren Schlaganfall war.

Jemma nickte nachdenklich. »Ich hoffe, du hast recht.«

 

 

Eine gute Viertelstunde später waren sie auf einem kleinen Privatflughafen nördlich von Inverness gelandet und Will und Jemma stiegen die Treppe des Lear Jets hinab auf den Vorplatz des Flugzeughangars. Die Nachmittagshitze staute sich auf dem Boden und traf sie nach der angenehm temperierten Maschine wie eine Wand. Die Luft flimmerte und Jemma konnte die Wärme des Asphalts durch die dünnen Sohlen ihrer Sandalen spüren.

»Mann, ist das heiß!« Stöhnend schwang sie sich ihren Rucksack über die Schulter. »Und ich dachte, hier in den Highlands wäre es kühler als bei uns in der stickigen Großstadt.«

»Sobald wir weiter draußen sind, ist es das sicher auch«, meinte Will und sah hinüber zum Hangar, vor dem zwei Autos parkten: ein schwarzer Rolls Royce und ein blauer SUV. Sein Vater sprach mit dem Fahrer der Limousine, während zwei Flughafenangestellte das Gepäck auf die Wagen verteilten.

Will nickte zufrieden, verzog dann aber das Gesicht. »Eigentlich wollte ich dich ja fragen, ob du mit mir fährst, damit wir ein bisschen Zeit für uns allein haben, aber ich kann gut verstehen, wenn du eine Fahrt in einem Rolls Royce einem simplen Geländewagen vorziehst.«

Jemma sah zu den beiden Fahrzeugen und zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. »Für mich sind das nur zwei Autos, die dazu da sind, uns von A nach B zu bringen. Solange das, das du fährst, eine Klimaanlage hat, hab ich absolut nichts gegen ein bisschen Zweisamkeit einzuwenden.«

Er zog sie an sich und küsste sie. »Ich liebe dich.«

»Ach, wirklich?« Sie grinste frech und küsste ihn zurück.

Jamie lächelte, als er vorsichtig die Flugzeugtreppe betrat und seine Schwester mit Will sah. Es freute ihn, dass die beiden sich nach allem, was im Frühjahr geschehen war, doch noch zusammengerauft hatten. Er lehnte seine Krücken an die schmale Gangway, fasste das Geländer und stieg langsam die Treppe hinab, doch zwischen der letzten Stufe und dem asphaltierten Untergrund klaffte ein Abstand von fast dreißig Zentimetern.

Super …

Mal wieder eine der vielen verdammten Hürden, die er täglich irgendwie meistern musste. Allerdings war die hier ein bisschen zu groß, als dass er sie sich allein zutraute.

Er seufzte. Es fühlte sich fantastisch an, den Alltag mehr oder weniger an Krücken bewältigen zu können. Es war großartig, sich wieder freier und beweglicher zu fühlen, doch genau diese Beweglichkeit barg auch das Risiko, zu stürzen und was ein unglücklicher Sturz für seine Wirbelsäule bedeuten konnte, wusste er ganz genau: Im schlimmsten Fall konnte er endgültig im Rollstuhl landen, ohne Hoffnung, noch einmal Laufen lernen zu können. Jon, sein Physiotherapeut, hatte ihm zwar einige Techniken für ein ungefährliches Fallen gezeigt, doch Jamie wusste, dass seine Muskeln sich noch viel zu oft zu kraftlos und unkooperativ zeigten, um sich im Ernstfall wirklich sicher abfangen zu können.