Leseprobe House of Nightmares Seite 8

 

Kapitel 2

Die Sonne glitzerte auf dem Wasser des langgezogenen Sees, der im Tal zwischen zwei Hügelketten lag. Der Pilot war extra einen Schlenker geflogen, um ihnen einen atemberaubenden Ausblick auf das sagenumwobene Loch Ness zu bieten, aber Jemma wusste nicht, ob sie ihm dafür dankbar sein sollte. Zu viele Erinnerungen hingen an diesem Ort und sie war sich nicht sicher, ob sie sich denen wirklich stellen wollte. Doch sie hatte Ned nicht hängen lassen wollen, als er sie, Jamie und Zack gebeten hatte, mit nach Schottland zu kommen, also saß sie jetzt im Privatjet von Neds Dad und war auf dem Weg in die Highlands, wo ein reicher Geschäftspartner von Edward Dunnington auf seinem Landgut lebte. Angus McLean war Besitzer von McLean Medical Supplies, der größten Herstellerfirma von medizinischen Gerätschaften in Großbritannien, und viele seiner Produkte liefen mit Software, die Dunningtons Firma entwickelt hatte.

»Na? Hast du Nessie schon entdeckt?« Will ließ sich auf den Ledersitz neben Jemma sinken und blickte ebenfalls hinunter auf die eindrucksvolle Landschaft.

Rasch zwang sie sich zu einem Lächeln. »Nein, kein Ungeheuer in Sicht.«

»Schade, aber vielleicht haben wir ja mehr Glück, wenn wir direkt vor Ort sind.« Er grinste, doch als er sah, dass ein trauriger Schatten über ihr Gesicht glitt, wurde er ernst. »Alles in Ordnung?«

»Ja, klar. Alles gut.«

Will betrachtete sie noch einen Moment länger, dann schüttelte er seufzend den Kopf. »Nein, ist es nicht.« Er nahm ihre Hand und verschränkte seine Finger mit ihren. »Jamie hat mir erzählt, dass ihr vor drei Jahren mit euren Eltern hier in Schottland wart. Im Sommer bevor eure Mum gestorben ist.«

Jemma warf einen finsteren Blick hinüber zu der kleinen Sitzgruppe des Lear Jets, in der ihr Bruder, Ned und Zack um einen Laptop saßen und vermutlich an ihrem neuen CyberGame herumtüftelten.

»Jamie sollte seine Klappe halten.« Sie versuchte ihre Hand aus Wills zu ziehen, doch der hielt sie fest.

»Sei nicht sauer auf ihn. Es war ziemlich offensichtlich, dass ihr nicht gerade begeistert wart, als wir euch von der Schottlandreise erzählt haben. Aber jedes Mal, wenn ich dich darauf angesprochen habe, hast du immer nur gesagt, dass alles gut wäre. Also hab ich ihn gefragt, was mit euch los ist.« Liebevoll strich Will ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. »Warum wolltest du es mir nicht sagen? Ich hab meine Mum auch verloren. Glaubst du, ich hätte kein Verständnis dafür, dass du deine Mum vermisst und dass es dir schwerfällt, an einen Ort zurückzukehren, an dem so viele Erinnerungen hängen?«

»Doch, sicher.« Sie drückte seine Hand. »Aber das ist etwas, mit dem ich allein klarkommen muss. In letzter Zeit vermisse ich sie einfach oft und es tut immer wieder verdammt weh, dass sie fort ist. Aber das hat nichts mit dir zu tun. Oder mit Ned. Schottland ist einfach voller Erinnerungen, die eigentlich mal schön waren. Jetzt machen sie aber irgendwie nur noch traurig.«

Will ließ ihre Hand los, zog Jemma stattdessen in seine Arme und grub sein Gesicht in ihre Haare. »Es wird auch wieder besser, glaub mir«, flüsterte er. »Und ich verspreche dir, wir beide werden dort unten in der nächsten Woche ein paar neue Erinnerungen für dich machen. Das hilft bestimmt.«

Jemma musste lächeln und schmiegte sich an ihn. »Ja, vielleicht.«

Als sie Loch Ness hinter sich ließen, informierte ihr Pilot sie, dass sie sich nun im Anflug auf Inverness befanden. Edward Dunnington, der in einem der Sessel im vorderen Teil des kleinen Fliegers an seinem Laptop gearbeitet hatte, stand auf und ging in Richtung Cockpit.

Jemma sah ihm nach. »Werden wir vom Flughafen abgeholt oder nehmen wir einen Mietwagen?«

»Sowohl als auch. Der alte McLean schickt uns einen Wagen, aber damit wir in der Einöde von Abberton Coille ein bisschen flexibler sind, hat Dad uns auch einen Mietwagen organisiert. Und bei dem ganzen Gepäck werden wir den auch sicher brauchen.«

Jemma schnaubte. »Selbst schuld! Wenn dein Vater uns mit zum schottischen Hochadel schleppt und wir uns abends in vornehme Klamotten schmeißen müssen, um in feiner Runde zu dinieren, dann können wir das ja wohl nicht jedes Mal im selben Dress machen, oder?« Sie stöhnte. »Obwohl ihr Jungs es da deutlich leichter habt. Zwei dunkle Hosen und den Rest könnt ihr mit ein paar Hemden erledigen. Ich brauche rein theoretisch für jeden Abend ein neues Kleid, wenn ich von der High Society nicht mit gerümpften Nasen angeguckt werden will.«

Will grinste. »Nur theoretisch? Praktisch nicht?«

»So viele feine Kleidchen hab ich gar nicht!«

»Es gibt da so Einrichtungen, die heißen Geschäfte. Da kann man hingehen und Kleider kaufen. Hätten wir zusammen machen können. Ich hätte dich liebend gern begleitet.«

Jemma lachte und zwickte ihm in den Bauch. »Ja, klar! Vor allem in die Umkleidekabine, wie?«

»Dahin ganz besonders!«

»Blödmann!«