Leseprobe House of Nightmares Seite 4

 

Ned leerte sein Colaglas und stellte es geräuschvoller als nötig auf dem Tisch ab. »Wie gesagt, manche Leute sollten einfach keine Kinder bekommen.«

Jamie nickte langsam. »Ja, vielleicht.« Doch dann grinste er verschämt. »Aber ich werd mich bestimmt nicht darüber beschweren, dass die Watts es trotzdem getan haben.«

Lachend knuffte Ned ihm in die Rippen. »Schon klar.«

Jamie leerte ebenfalls sein Glas und drehte sich zum Tisch um. Seine Hände klebten von der verschütteten Cola genauso wie das Glas und die Tischplatte. Er würde Max bitten müssen, das zu säubern.

»Ich muss mir die Hände waschen.« Mit einem Kopfnicken wies er auf die matschigen Servietten und griff nach seinen Krücken. »Meine Feinmotorik lässt in den späten Abendstunden leider deutlich zu wünschen übrig.«

Ned zuckte mit den Schultern. »Dass deine Muskeln müde sind, wenn du den ganzen Tag an Krücken gelaufen bist, ist doch kein Wunder. Der wievielte Tag ohne Rollstuhl ist das jetzt?«

»Heute genau drei Wochen.« Der Stolz in Jamies Stimme war nicht zu überhören. »Seit die Sommerferien angefangen haben.«

Langsam gingen die beiden durch den Wohnraum hinüber zur Küche.

»Das ist echt cool. Dann brauchen wir das Ding ja eigentlich gar nicht mitzunehmen, wenn wir nach Schottland fliegen, was?«

»Ja, sicher!«, schnaubte Jamie. »Dir ist schon klar, dass das in etwa so wäre, als würdest du von jemandem, der vor drei Wochen mit dem Joggen angefangen hat, verlangen, dass er nächste Woche einen Marathon schafft, ja?«

Ned hob die Schultern und grinste. »Bei dir würde mich das kaum wundern.«

»Klar.« Jamie verzog das Gesicht und wandte sich dann an seinen Hausroboter, der gerade dabei war, die Spülmaschine auszuräumen. »Max, ich hab auf dem Esstisch Cola verschüttet und es klebt überall. Kannst du das bitte wegwischen?«

»Ja, natürlich.« Der Roboter ließ seine Arbeit liegen und musterte ihn einen Moment lang intensiv. »Du bist erschöpft und deine Muskeln werden langsam müde. Es war ein langer Tag und du solltest dich bald ausruhen.«

Jamie bedachte ihn mit einem genervten Blick. »Es geht mir gut! Du musst nicht jedes Mal gleich einen Körperscan bei mir machen, wenn ich was verschütte oder fallen lasse.«

»Tut mir leid, so bin ich programmiert.« Max nahm ein Wischtuch und verschwand ins Wohnzimmer.

»Glaub mir, bei deinem nächsten Update wird sich daran einiges ändern …«, grummelte Jamie leise.

»Du bist nicht befugt, über meine Updates zu entscheiden«, antwortete Max gelassen über seine Schulter hinweg. Offensichtlich hörten seine akustischen Sensoren selbst Flöhe husten. »Und ich glaube nicht, dass dein Vater an meiner Sorgfaltspflicht dir gegenüber Veränderungen veranlassen wird.«

Jamie rollte mit den Augen. Künstliche Intelligenz war ja wirklich fantastisch. Es nervte nur ungemein, wenn sie anfing, das letzte Wort haben zu müssen.

»Ich muss mal kurz für kleine Bioroboter.«

Ned verschwand in Richtung Gästebad, während Jamie sich an die Spüle lehnte, um endlich seine klebrigen Finger zu waschen. Als er die Griffe seiner Krücken sauberwischte, hörte er Schritte hinter sich.

»Das ging schnell. Sieh mal im Vorratsschrank nach, da müsste noch eine Tüte Chips sein. Die Schale draußen war fast leer.«

Er zuckte zusammen, als Russell statt Ned neben ihm erschien und spöttisch auf ihn herabsah.

»Wie armselig muss man sich eigentlich fühlen, wenn man zu behindert ist, um im eigenen Haus alleine klarzukommen?«

Jamie spürte, wie er langsam wirklich die Geduld verlor und all seine Beherrschung brauchte, um Russell nicht doch die Meinung zu geigen. Hatte dieses Arschloch etwa nur darauf gewartet, dass Ned verschwand, um ihn wieder alleine zu erwischen und mit seinen dämlichen Sprüchen weiterzumachen?

»Das hier ist Zacks Party und es gibt genügend andere Gesprächspartner, mit denen du dich unterhalten kannst. Wir müssen nicht miteinander reden.« Eisig sah er Russell an. Der Dreckskerl sollte bloß nicht denken, dass er ihn einschüchtern konnte, nur weil er zufällig wie ein wandelnder Kleiderschrank aussah und keine kaputte Wirbelsäule hatte.

Russell grinste abfällig. »Hey, ich versuche doch nur herauszufinden, was Zack in einer krüppeligen Missgeburt wie dir sieht! Denn ehrlich gesagt hab ich keine Ahnung, was das sein könnte.«