Leseprobe House of Nightmares Seite 3

 

Seufzend schob er den Gedanken von sich und sah hinaus in den kleinen Garten, wo Zack mit seinen Mitspielern gerade versuchte einen gegnerischen Angriff auf den Korb zu vereiteln.

»Warum spielst du nicht mit?«, fragte Jamie, der sein Seufzen offensichtlich falsch gedeutet hatte. »Du musst mir hier nicht Gesellschaft leisten. Wie gesagt, Basketball war noch nie mein Ding.«

Ned schnitt eine Grimasse und schüttelte den Kopf. »Meins auch nicht. Will hat die gesamten Sportlergene in unserer Familie abbekommen und als ich gemacht wurde, waren für mich keine mehr übrig. Dafür hab ich die volle Ladung Computernerd eingeheimst.« Er grinste, verzog dann aber das Gesicht. »Außerdem hab ich keine Lust, wie der letzte Trottel dazustehen, weil mein Superkörper und ich noch nicht für so schnelle Abläufe aufeinander eingestellt sind.«

Jamie nickte verständnisvoll. Seit gut drei Monaten steckte Neds Bewusstsein nun in einem Bioroboter, nachdem sein menschlicher Körper durch eine schwere Krebserkrankung zu geschwächt zum Weiterleben geworden war. Ned machte zwar tolle Fortschritte und er und sein neuer Körper spielten sich immer besser aufeinander ein, aber Jamie wusste, dass das Steuern sämtlicher Bewegungsabläufe Ned trotzdem immer noch oft vor viele Herausforderungen stellte, an denen er täglich arbeiten musste. Und wie unglaublich frustrierend das sein konnte, konnte Jamie nur allzu gut nachvollziehen.

»Vielleicht solltest du dein Training auf Ballsportarten erweitern«, grinste er. »Wer weiß, wofür es gut sein kann?«

Ned zog die Nase kraus und schüttelte den Kopf. »Nee, lass mal. Wie gesagt, ich bin der Computernerd, nicht die Sportskanone. Ich konzentriere mich lieber weiter auf meine Feinmotorik, um meine Finger über eine Tastatur fliegen zu lassen, als irgendwelchen Bällen hinterherzujagen. Den Sinn darin hab ich nämlich noch nie verstanden.« 

Jamie lachte. »Lass das nicht Zack hören, sonst startet er einen enthusiastischen Erklärungsversuch.«

»Das wäre absolut vergebene Mühe, glaub mir.« Ned nahm sich seine Cola, reichte auch Jamie sein Glas und eine Weile sahen die beiden dem Basketballspiel zu.

»Stimmt es eigentlich, was Russell gesagt hat? Dass Zack in ein Internat gehen müsste, wenn er nicht bei euch wohnen könnte?«, brach Ned schließlich das Schweigen.

Jamies Miene verfinsterte sich. »Da hätte er schon als Sechsjähriger hingemusst. Vermutlich sogar noch früher, wenn seine Eltern eine Schule gefunden hätten, die noch jüngere Kinder aufnimmt.« Er seufzte. »Zack war mit Jem und mir zusammen im Kindergarten und schon damals ständig bei uns, weil seine Eltern kaum Zeit für ihn hatten. Meine Mum hatte ihn sehr gern und sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass die Watts ihn so früh ins Internat stecken wollten, nur um beruflich unabhängiger zu sein. Sie hat ihnen vorgeschlagen, dass er zu uns kommen kann, wenn sie zu beschäftigt sind, und ich glaube, ihnen war es völlig egal, wo ihr Sohn untergebracht war, solange sie sich bloß nicht selbst um ihn kümmern mussten. Seitdem wohnt Zack hier, wenn seine Eltern unterwegs sind, und sie überweisen uns jeden Monat einen recht großzügigen Unterhalt dafür, dass sie ihn vom Hals haben.«

Missbilligend runzelte Ned die Stirn. »Sie scheinen sich ja nicht besonders für ihren Sohn zu interessieren.«

»Er feiert seinen siebzehnten Geburtstag bei uns und außer einer kurzen E-Mail mit ein paar Grüßen und einem dicken Geldzugang auf seinem Konto haben sie ihn heute nicht mal angerufen. Beantwortet das deine Frage?«

Kopfschüttelnd verzog Ned das Gesicht. »Warum manche Leute Kinder in die Welt setzen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Es ist ja völlig in Ordnung, wenn man seinen Beruf liebt und komplett darin aufgehen möchte, aber dann sollte man sich eben gegen Kinder entscheiden, wenn man nicht bereit ist, sich auch um sie zu kümmern.«

Jamie nahm einen Schluck Cola und zog die Schultern hoch. »Ich glaube, Zacks Eltern sehen ihren Sohn als eine Art Statussymbol. Als etwas, das im Portfolio ihres Lebens nicht fehlen durfte. So nach dem Motto: Kind bekommen, erledigt, Häkchen dahinter, fertig.«

»Was machen sie denn beruflich?«

»Sie sind ziemlich gefragte Innenarchitekten und designen sehr erfolgreich ihre eigene Möbelreihe. Frag mich nicht, wen und was sie schon alles ausgestattet haben, aber es sind etliche High-Society-Namen darunter. Bei der Möbelmesse im Frühling haben sie irgendwelche megawichtigen Kontakte nach Übersee geknüpft und fanden es daher unausweichlich, dorthin umzusiedeln, um den amerikanischen Markt auch noch zu erobern. Also sind sie mit Sack und Pack nach New York gezogen, Zack wohnt seitdem bei uns und ihr Stadthaus hier in London steht leer bis auf einen Hausroboter, der nach dem Rechten sieht.«

»Kommt Zack denn damit klar, dass seine Eltern sich nicht für ihn interessieren?«

»Nicht immer.« Jamie seufzte. »Aber er redet kaum darüber und wenn, dann versucht er meistens es runterzuspielen und sagt, dass es ihm mittlerweile egal ist.« Er sah zu, wie Zack einen weiteren Korbleger versuchte. »Als wir noch kleiner waren, hatte er sich noch nicht so gut im Griff. Wenn seine Eltern über Weihnachten lieber mit Freunden zum Skilaufen in die Schweizer Alpen gefahren sind als die Festtage mit ihm zu verbringen, hat ihn das jedes Mal ziemlich fertiggemacht.«