Leseprobe House of Nightmares Seite 2

 

Jamie gab den mühsamen Kampf um seine Selbstbeherrschung auf und wandte sich wütend zu ihm um. »Keine Ahnung! Wollen wir rausgehen und ihn fragen? Bin gespannt, was er dazu sagt, dass du ihn für ein berechnendes Charakterschwein hältst!«

Kalter Zorn blitzte in Russells Augen, als seine Hand vorschoss und sich in Jamies T-Shirt krallte. »Du mieser kleiner –«

»Gibt's hier irgendein Problem?«

Die schneidende Stimme ließ den Muskelprotz herumfahren. Russell musterte Ned finster und gab Jamie nur widerwillig wieder frei, allerdings nicht ohne ihm einen unsanften Stoß gegen die Brust zu verpassen. Fluchend kämpfte Jamie um sein Gleichgewicht und krallte hastig seine Hände in die Tischplatte, um nicht zu stürzen.

»Nein, es gibt hier kein Problem.« Russell hielt Neds frostigem Blick betont lässig stand und nickte dann verächtlich zu Jamie hinüber. »Krüppel sind für mich kein Problem.«

Neds Blick wurde noch eisiger. »Tja, dumm nur, dass aggressive intolerante Arschlöcher für mich eins sind. Und wenn du nicht willst, dass wir beide mein Problem ausdiskutieren, solltest du dir draußen vielleicht besser ein paar andere Gesprächspartner suchen.«

Einen Moment lang schien Russell durchaus diskussionsbereit, doch dann zuckte er nur mit den Schultern und wandte sich zum Gehen. »Die Gesellschaft draußen ist ohnehin viel anregender als die hier drin.« Ohne große Eile schlenderte er zur Terrassentür.

Ned sah ihm hinterher und trat dann zu Jamie an den Esstisch. »Alles in Ordnung?«

Jamie nickte finster.

»Der Typ ist definitiv ein ganz heißer Anwärter auf den Titel Mistkerl des Monats.« Ned goss sich eine Cola ein. »Er macht dich schon den ganzen Abend über blöd an, wenn er denkt, dass es keiner mitkriegt. Was ist sein Problem?«

Jamie verzog das Gesicht. »Russell ist nicht nur heißer Anwärter auf Mistkerl des Monats, er ist auch heiß auf Zack und kriegt es nicht in seinen verdammten Schädel, dass Zack einen mickrigen Krüppel wie mich vorzieht, wenn er auch Mister Muskelbody Russell Grand haben könnte.«

»Ah, das erklärt natürlich so einiges.« Ned musterte ihn von der Seite. »Und ich hoffe, das mit dem Krüppel ist Russells Wortwahl und nicht deine.«

Gleichgültig zuckte Jamie mit den Schultern, doch Ned kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu merken, dass ihn dieses Wort nicht so kalt ließ, wie Jamie es gerne gewollt hätte.

»Weiß Zack, dass Russell scharf auf ihn ist?«

Jamie nickte. »Zack hat ihm klargemacht, dass er keine Chance hat, aber so richtig geschnallt hat Russell das offensichtlich nicht.«

»Und weiß Zack, wie mies der Typ dich behandelt?«, fragte Ned stirnrunzelnd. »Denn ehrlich gesagt fällt es mir schwer zu glauben, dass er ihn dann hierher eingeladen hätte.«

Jamie lehnte sich gegen den Esstisch und sah hinaus in den beleuchteten Garten. Obwohl es schon recht spät war, war der Juliabend angenehm warm. Die Jungen spielten auf dem kleinen Innenhof Basketball, während sich die Mädchen auf die Terrasse zurückgezogen hatten und miteinander plauderten. Zack dribbelte geschickt um Gordon herum, sprang und versenkte den Ball im Korb. Jubelnd riss er die Arme hoch und Tylor und Sam klopften ihm anerkennend auf die Schultern. Jamie lächelte und seufzte dann.

»Zack weiß, dass Russell ein Problem mit mir hat, aber in der Regel gehe ich ihm einfach aus dem Weg. Zack und er spielen zusammen Basketball und sie treffen sich ein oder zwei Mal in der Woche im Park, um gegen andere Streetteams zu spielen. Das war schon vor dem Unfall nicht mein Ding, aber Zack liebt es.« Er zuckte mit den Schultern. »Warum sollte ich es ihm kaputtmachen und sagen, dass Russell mich blöd anmacht, sobald er mich sieht, wenn die Lösung ganz simpel ist: Ich geh einfach nicht mit zu den Spielen. Basketball interessiert mich eh nicht wirklich und dumm danebensitzen und zusehen ist mir zu langweilig. Also muss ich Russell nur heute ertragen, weil Zack sein Team natürlich eingeladen hat. Aber für die paar Stunden ignoriere ich die blöden Sprüche eben, um Zack seine Party nicht kaputtzumachen.«

Ned zog eine Augenbraue hoch. »Du musst ihn wirklich verdammt lieben, wenn du es für ihn schaffst, bei so bescheuerten Sprüchen nicht viel früher zurückzuschießen.«

Jamie lächelte verlegen. Er sah auf seine Hände und seine Finger glitten über einen schlichten schmalen Silberring an seiner rechten Hand. Ned folgte seinem Blick. Der Freundschaftsring war neu und Ned hatte bei Zack den gleichen gesehen, es war also nicht schwer zu erraten, was Jamies Geburtstagsgeschenk gewesen war. Vermutlich hatte Russell die Ringe ebenfalls bemerkt und das mochte mit ein Grund dafür sein, dass er Jamie gegenüber so aggressiv war.

Ned beneidete seine beiden Freunde für das, was zwischen ihnen war. Genauso wie er Will und Jemma um das beneidete, was sie sich gerade aufbauten, und er hoffte, dass er irgendwann vielleicht auch mal so tiefe Gefühle für ein Mädchen empfinden würde – und sie diese erwidern konnte, wenn sie wusste, wer – oder was? – er war.