Leseprobe House of Nightmares Seite 10

 

Abschätzend betrachtete er den Abstand zwischen Stufe und Boden. Lieber nichts riskieren, was er bitter bereuen konnte. Er schaute zur Treppe hoch und sah sich nach Zack um, doch der war nicht zu sehen. Resignierend blickte Jamie zurück zu Will und Jemma, die gerade Hand in Hand zu den wartenden Fahrzeugen hinüberschlendern wollten.

»Will?«

Die beiden wandten sich zu ihm um und Will zog eine Augenbrauen hoch. »Hey, du willst mir jetzt nicht ernsthaft sagen, dass du Hilfe brauchst, oder? Du bist in den letzten Wochen so gut geworden, da schaffst du die letzte Stufe bestimmt auch ohne mich.«

Jamie verzog das Gesicht. »Es ist zu tief. So sicher bin ich noch nicht.«

»Okay.« Will trat ans Ende der Treppe. »Halt dich an mir fest, aber versuch es alleine.« Er grinste. »Es ist nur ein kleiner Schritt diese blöde Treppe hinunter, aber ein großer für dein Selbstvertrauen.«

»Sehr witzig. Nicht, wenn ich stürze.«

»Keine Angst. Wenn du es wirklich nicht schaffst, pass ich schon auf, dass du nicht fällst.«

Jemma trat zu den beiden. »Will hat recht.« Sie funkelte ihn hinterhältig an und zwinkerte Jamie zu. »Er wird aufpassen. Wenn er dich fallen lässt, rede ich nämlich eine ganze Woche lang kein Wort mehr mit ihm.«

Will rollte mit den Augen. »Na, schönen Dank auch!«

Jamie musste grinsen. Dann ließ er das Geländer los und hielt sich stattdessen an Will fest. Der hob versichernd seine Hände, bereit ihn zu stützen, falls es nötig sein sollte. Vorsichtig verlagerte Jamie sein Gewicht, um mit seinem stärkeren Bein voran die letzte Stufe hinabzusteigen, doch durch die Bewegung geriet die Flugzeugtreppe unter ihm ins Schwanken. Erschrocken grub er seine Finger in Wills Arme und kämpfte für einen bangen Moment um sein Gleichgewicht. Es pochte dumpf in seiner linken Seite, aber das ignorierte er trotzig und schob sein rechtes Bein die Stufe hinunter. Das Auftreten war ziemlich unsanft, da er den Schritt in die Tiefe kaum abfedern konnte. Heftiger Schmerz fuhr durch seine Rippen, doch er biss die Zähne zusammen, zog rasch das linke Bein nach und atmete tief durch, als er wieder sicher stand.

»Na bitte!« Will klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. »War doch ein Kinderspiel. Ich musste überhaupt nichts machen.«

Jamie schnitt ihm eine Grimasse und rieb sich vorsichtig die linke Seite.

»Deine Rippen?«, fragte Jemma mitfühlend.

Jamie nickte knapp. »Geht aber gleich wieder.«

»Was ist mit deinen Rippen?« Will musterte ihn stirnrunzelnd.

»Nichts. Ich hab sie mir nur ein bisschen geprellt.«

»Es muss wohl eher heißen, Russell hat sie dir geprellt«, grollte Zack, der in diesem Moment gemeinsam mit Ned die Flugzeugtreppe hinabpolterte.

»Russell?« Grübelnd sah Will zu Jamie. »Dieser Typ, der dich am Samstag ein paar Mal blöd angemacht hat und dann auf einmal verschwunden war?«

»Genau der.« Zack gab Jamie seine Krücken. »Und ich wünschte wirklich, mir hätte jemand gesagt, wie unmöglich er sich aufgeführt hat. Dann hätte ich ihn schon viel früher rausgeschmissen und es hätte gar nicht erst soweit kommen müssen.«

Ungläubig sah Will ihn an. »Ist er etwa handgreiflich geworden?«

»Ja, und zwar nicht zu knapp«, antwortete Ned.

»Was für ein Arschloch!«

Jamie rollte mit den Augen. »Vergessen wir's, okay? Das ist Schnee von gestern.«

»Wohl eher von vorgestern.« Empört schüttelte Will den Kopf und wies auf Jamies linke Seite. »Und offensichtlich taut er nur verdammt langsam!«

Leicht angenervt wandte Jamie sich ab und ging in Richtung Autos. »So schlimm ist es nicht, okay? Und jetzt kommt. Euer Dad wartet. Außerdem ist es hier affenheiß und ich hoffe sehr, dass dieser Rolls Royce da nicht nur nobel aussieht, sondern auch mit einer fantastischen Klimaanlage ausgestattet ist.«

 

 

Der kleine Privatflughafen lag nördlich von Inverness, der größten Stadt in den schottischen Highlands. Von der Citylage war allerdings nicht viel zu erahnen, als die Limousine durch die spärlich besiedelten Außenbezirke fuhr, sie schließlich hinter sich ließ und einer schmalen Landstraße durch hügelige Felder folgte, auf denen unzählige Schafe grasten oder in der Hitze des späten Nachmittags vor sich hin dösten.

Ned sah hinaus auf die fernen Bergketten der Highlands. Er war zum ersten Mal in Schottland und genoss die fremde Landschaft, die so völlig anders aussah als seine Heimatstadt.

Es tat verdammt gut, endlich mal rauszukommen.

Die letzten beiden Jahre hatte er kaum das Haus verlassen können, geschweige denn London, weil er durch Krebs und Chemo meistens zu schwach und sein Immunsystem zu angegriffen gewesen war, sodass Ausflüge oder gar ein Urlaub eine zu große Infektionsgefahr dargestellt hätten. Manchmal war er sich wie ein Gefangener vorgekommen. Gefangen im Haus. Gefangen in seinem Körper. Hätte er sich an besseren Tagen nicht in die CyberWorld flüchten können, wäre er vermutlich irgendwann durchgedreht.